baldeggerjournal

6 Bildungshaus Stella Matutina Nicht Beute sondern Eindrücke Kennen lernen – eine Gesinnung Das Verb kennen ist verwandt mit: wissen, können, vermögen. Die Etymologen sagen, es forme etwas nur vor, niemals aus. Wenn ich z.B. sage: Ich kenne die Halbinsel Hertenstein, heisst das: Ich weiss um ihre Lage, weiss einiges über ihre Geschichte, ihre Flora und Fauna. Ich kann auf Fragen der Gäste antworten. Ich vermag mich auf ihr orientierend zurechtzufinden, weiss ihre Einzigartigkeit zu schätzen, dank vieler starker Eindrücke. Kurz: ich habe diesen Flecken Erde wirklich lieb gewonnen. Und dennoch oder gerade deshalb zeigt sich mir diese Landschaft immer wieder anders, neu, sie offenbart mir von Jahr zu Jahr mehr und mehr von sich und von mir. Sie bewegt mein Gemüt, macht mich neugierig, bringt mich immer wieder zum Staunen, stellt mir Fragen, heisst mich antworten und indem ich mich kundig mache, erweitert sich mein Wahrnehmungsvermögen. Ich werde ‹gmerkiger› für das, was da ist und dankbarer. Kennenlernen dieser Art ist nie am Ende, setzt aber einiges voraus: leiblich präsent sein und Eindrücke wahrnehmen. Und wenn es um Menschen geht? Martin Buber, der grosse jüdische Denker, der von sich sagen konnte: «Ich habe keine Lehre, ich führe ein Gespräch», unterscheidet drei Arten, auf die wir einen Menschen, der vor unsern Augen lebt, wahrzunehmen vermögen. – die erste Art: beobachten Der Beobachter ist ganz darauf gespannt, den Beobachtenden zu «notieren». Er sucht ihn ab und schreibt ihn fest. Dabei ist er beflissen, so viele ‹Züge› als möglich festzuhalten. Er lauert den ‹Zügen› auf, schnappt zu, damit ihm keiner entgehe. Der Beobachtete besteht aus ‹Zügen› und von jedem weiss man, was dahinter steckt. Das so Notierte bleibt verwendbar, der Interpretation zwar bedürftig aber auch willig. Aber es bleibt äusserlich. Was sich kennen zu lernen lohnt, entzieht sich solchem Zugriff. Was dabei herauskommt, bleibt dürr und dürftig, bringt beide SeiHand aufs Herz: wen kennen Sie wirklich? – Und, wer kennt Sie wirklich? Und wenn überhaupt, woran erkennen Sie, dass Sie diese Person wirklich kennen? So liesse sich weiter fragen: Welche Landschaft, welche Sprache, welche Religion, welches Kunstwerk, welche Arbeit usw. kenne ich wirklich? Doch diese Art des Fragens führt auf falsche Fährte. Beim Kennenlernen kann es nicht um Beute gehen. Sr. Hildegard Willi, Hertenstein

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