7 ten kaum vorwärts. So sagte mir kürzlich ein Mann in der Beratung: Meine Chefin kennt mich als Fachkraft, vor allem meine mess- und zählbaren Leistungen, sie weiss was sie bei mir optimieren will; sie besitzt ein dickes Dossier über mich, in dem die Qualifizierungsgespräche über Jahre fein säuberlich abgelegt und für allfällige Absicherung bereit sind. – Ich als Mensch bin ihr fremd und sie mir. – die zweite Art: betrachten Der Betrachtende ist überhaupt nicht gespannt. Er nimmt die Haltung ein, die ihm den ‹Gegenstand› frei zu sehen gibt und wartet unbefangen, was sich ihm darbieten wird. Die Absicht tritt zurück. Er schaut, notiert nicht drauflos, lässt geschehen, fürchtet gar nicht, etwas zu vergessen. Er vertraut der Arbeit seines Gedächtnisses, das Behaltenswertes behält. Er fährt das Gras nicht als Grünfutter ein; er wendet es und lässt es von der Sonne bescheinen. Auf ‹Züge› passt er nicht haschend auf, sie führen ihn nur irre. Am Betrachteten ist ihm das erheblich, was ist, jenseits von Charakter und Ausdruck. Dem Beobachter und dem Betrachter ist gemeinsam der Wunsch, den vor seinen Augen lebenden Menschen wahrzunehmen. Dazu muss er zum ‹Gegenstand›, zur objektiven Tatsache gemacht werden, denn nur abgetrennt von seinem und ihrem persönlichen Leben kann er «richtig», d.h. objektiv, wahrgenommen werden. Am ‹Gegenstand› ist ihm das wichtig, was nicht «Charakter», nicht «Ausdruck» ist. Alle grossen Künstler sind Betrachter gewesen. Martin Buber ist überzeugt: Es gibt aber ein Wahrnehmen, das von entscheidend anderer Art ist. Er nennt es das Innewerden. – die dritte Art: innewerden Wir haben es alle schon erlebt. In einer empfänglichen persönlichen Verfassung begegnet mir ein Mensch, an dem mir etwas, das ich gar nicht gegenständlich zu erfassen vermag, «etwas sagt». Nicht wie dieser Mensch sei, was in ihm vorgehe und dergleichen. Sondern: mir etwas sagt, mir etwas zuspricht, etwas in mein eigenes Leben, in meine Aufgabe hineinspricht. Das kann etwas über diesen Menschen sein, z.B. dass er mich braucht. Wer je mit Kindern zu tun hatte oder mit jungen Menschen nahe zusammen gelebt hat, wird sich bald an solche Situationen erinnern. Es kann aber auch etwas über mich sein, z.B. dass ich fehl am Platz bin im Moment. Der Mensch selber in seinem Verhalten zu mir hat mit diesem Sagen nichts zu schaffen; er hat mich womöglich gar nicht bemerkt. Die Situation selber sagt es. Wer hier ‹sagen› als Metapher versteht, versteht nicht. Denn das Sagen, um das es hier geht, ist wirkliche Sprache. Buber besteht darauf und fügt an: Im Haus der Sprache sind viele Wohnungen, und das ist eine der innern. Es ist rasch spürbar: die Wirkung dieses Gesagtbekommens ist eine völlig andere als die des Beobachtens und des Betrachtens. Ich kann den Menschen, an dem, durch den mir etwas gesagt worden ist, nicht notieren, nicht in einer Checkliste ankreuzen, auch nicht erzählen, nicht beschreiben, ohne das Gesagte auszulöschen. Dieser Mensch ist nicht mein ‹Gegenstand›; ich habe einfach mit ihm zu tun bekommen. Vielleicht habe ich etwas an ihm zu vollbringen; aber vielleicht habe ich nur etwas zu lernen und es kommt nur darauf an, dass ich «annehme». Vielleicht habe ich unmittelbar zu antworten; es kann aber auch sein, dass das so Gesagte anderswo, zu anderer Zeit zum Tragen kommt. Es kommt nur darauf an, dass ich das Antworten auf mich nehme. Und diese Art des Kennenlernens ist nicht auf Menschen beschränkt. Es kann gut auch ein Tier, ein Baum, der See oder eine Atmosphäre sein. Durch jede Erscheinung und jede Begebenheit kann mir grundsätzlich etwas gesagt werden. Buber sagt: Nichts kann sich weigern, dem Wort Gefäss zu sein. Alles ist Beziehung. Diese Art, Menschen, Erscheinungen, Ereignisse wahrzunehmen, ist unserer Zeit fremd geworden. Sie ist dem Tempo, das unser Leben bestimmt, dem Nutzen, dem wir hörig sind, dem Bemächtigen, das wir intus haben, der Absicherung, die uns im Nacken sitzt und dem Risiko, das es immer und überall zu minimieren gilt, schlechthin zuwider. Wo der ökonomischen Vernunft mehr Bedeutung zugemessen wird als den andern Vernünften, hat sie nicht Raum. Und doch ist es Alltagserfahrung: Das Gespür spürt mehr als das Wissen weiss. Im Spüren sind wir in leiblicher Kommunikation mit uns und dem Gegenüber. Spüren ist an sich schon immer etwas Dialogisches. Wissen dagegen ist oft in Gefahr, sich monologisch zu verfangen. Von dort ist der Schritt zum Behaupten, zum Rechthaben, zum Verteidigen ein geringer. Und mit dem Kennenlernen ist es dann aus. Wir bleiben einander fremd.
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