8 Renold Blank, Zofingen Tod als Ort faszinierender Erfahrung von Begegnung 1. Den Tod aus neuer Perspektive sehen Wenn wir von Sterben sprechen und dem Endpunkt jenes Prozesses, dem Tod, dann erschrecken die Menschen und versuchen zu fliehen. Und sie verschliessen die Augen vor den ungeheuren neuen Erfahrungen, die erst dieser Tod ihnen ermöglichen wird. Erweiterung des Bewusstseins hin zu nie geahnten Grenzen; Ekstase des Erkennens völlig neuer Dimensionen; und schliesslich das Erlebnis des Begegnens auf so vielen Ebenen, von denen wir im Leben nicht einmal wussten, dass es sie gibt. Zu einer Reflexion über dieses Begegnen möchte der vorliegende Text einladen, fragmenthaft und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit; aber in der Hoffnung, die Angst zu nehmen vor jener Erfahrung, die der Mensch erst im Tod in ihrer ganzen Tiefe machen wird: Der Begegnung mit sich selbst und der Begegnung mit Gott. 2. Im Tod begegnet der Mensch sich selbst Zeit unseres Lebens wissen wir recht wenig über uns selbst. Wir leben nach aussen, und die Frage «wer bin eigentlich ich?» stellt sich nur selten, oder wenn, nur oberflächlich. In der Folge erleben die meisten Menschen kaum je eine wirkliche Begegnung mit sich selbst. Dies alles aber ändert sich im Tod. In der Erfahrung des Todes begegnet der Mensch erstmals sich selbst, und alles, was ihm während des Lebens ermöglichte, vor dieser Begegnung zu fliehen, existiert nicht mehr. Keine Zerstreuung mehr und keine Flucht in Geschäfte, Gebete, Liturgien, Fussball oder Drogen. Statt ihrer die Begegnung mit sich selbst; und die Erfahrung: «Dies alles bin ich!» Im Guten und im Bösen. Das habe ich aus meinem Leben gemacht, und jetzt bin ich das, was ich aus mir machte. – Aber nicht nur dies. In einem einzigen zeitlosen Augenblick begegne ich auch all den Konsequenzen meines gelebten Lebens. Eine Lawine aus Ereignissen und Geschehen, die mit meinem Leben begann und die auch nach meinem Tod weitergehen wird bis ans Ende der Zeiten. Dies alles bin ich! Dies ist meine Person, denn dies alles geschah weil ich lebte und weil ich so lebte. Und nun ist es endgültig geworden und damit bin ich selber end-gültig; an ein Ende gekommen, definitiv geworden all das Gute und das Böse, das durch mich geschah. Es ist Teil meiner Person, und ich trete ihm gegenüber. Ich begegne ihm, und damit begegne ich mir selbst, unumstösslich und radikal im Glück all dessen was gelang, im Aufbau dessen, was ich nun bin; und voller Schmerz über all das viele, das Fragment blieb und unvollendet. Ich sehe die hunderttausenden von Möglichkeiten, die sich mir anboten, und ich erkenne mich in dem, was ich aus jenen Möglichkeiten gemacht habe, oder eben nicht gemacht; im Guten und im Schlechten. Ich sehe mich und erkenne, dass ich unendlich mehr bin als das, was ich je von mir dachte. Mehr im Guten, aber auch mehr im Schlechten.Alle meine verlorenen Träume sind wieder da und der Schutt zerstörter Hoffnung. Aber auch das Glas Wasser, das ich einem Durstenden reichte, und das so viel mehr wog als all jene Gebete, in denen ich mich erhoben glaubte und nahe der Vollendung. Ich begegne mir selber, und ich sehe mich nicht mehr mit den Augen dessen, der um seine Werte weiss und um seine soziale Bedeutung, um sein Prestige, Klosterherberge
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