baldeggerjournal

9 seinen Reichtum, seine Macht und seinen politischen Einfluss. Statt dessen begegne ich mir mit den Augen Gottes, sozusagen. Ich sehe mich mit seinen Augen und vom Gesichtspunkt dessen, was ihm wichtig ist. Und von jener Perspektive aus mag es sein, dass mein gelebtes Leben und das, was ich glaubte zu sein, seine Bedeutung verändert. Ausgehend von dem, was in den Augen Gottes als Wert erscheint, ist es denkbar, dass meine Errungenschaften zerrinnen und meine Machtpositionen, die ich im Leben erwarb, sich auflösen wie Schnee oder wie Stroh, das verzehrt wird durch Feuer.Wertlos ! Was gemäss der Kriterien von Prestige und Bedeutung wichtig schien, erweist sich als bedeutungslos vielleicht, und die Ehren, die ich auf Grund meiner Position errang, erscheinen lächerlich. Indem ich mir begegne mit den Augen Gottes, werden andere Werte wichtig, und ich suche sie in meiner Person, in meinen Werken, die zu meiner Person gehören; in meinem Leben, das gelebt ist und endgültig wurde, unauslöschlich, für alle Ewigkeit so, wie ich es gelebt hatte, einmalig, und ich begegne mir ohne Lüge und ohne jede Möglichkeit einer Täuschung meiner selbst. In dieser erstmals gänzlich unverfälschten Begegnung mit dem, was ich aus mir selber machte im Verlauf meines Lebens, werden Werte sich als wichtig erweisen, die ich vielleicht durch alle Jahre vernachlässigt hatte oder gering geachtet. Nicht mehr Macht und Einfluss und Reichtum und all die vielen anderen Eigenschaften, nach denen gesellschaftliche oder persönliche Eitelkeit sich zu bewerten pflegt. Andere Gewichte werden auf die Waage gelegt und andere Kriterien sind gefragt: Liebe statt Egoismus, Gerechtigkeit statt Unterdrückung, Barmherzigkeit statt Legalismus und Dienst an meinen Brüdern und Schwestern statt Macht. Indem ich mich zu sehen beginne aus jener neuen Perspektive, beginne ich zu verstehen, wer ich wirklich bin. Wer ich bin in den Augen dessen, der als einziger jetzt zählt. In den Augen Gottes. Und im Vollbewusstsein dessen, was ich in seinen Augen bin, werde ich diesem Gott begegnen, dem letzten Ziel allen Sehnens und der Erfüllung all dessen, was mein Herz ein Leben lang suchte, oft ohne es zu wissen. 3. Im Tod begegnet der Mensch Gott In meinem Tod werde ich nicht nur mir selber begegnen in der Gesamtheit dessen, was ich bin. Ich werde Gott begegnen; dem letzten Ziel allen Seins und der Vollendung all dessen, was dieser Kosmos bedeutet, dessen Teil ich bin; verloren in der unendlichen Masse anderer Teile und doch einzigartig und gekannt seit Anbeginn des Seins. Gekannt durch ihn, der mich liebt und der mich für wertvoll hält. Ich begegne ihm und ich erkenne ihn mit Sinnen, von denen ich vor meinem Tod nicht die leiseste Ahnung hatte. Ich begegne ihm, auf den ich zuging ein Leben lang ohne es zu wissen. Dem ich entfloh ein Leben lang ohne es zu wollen, oder weil ich es wollte, weil ich Angst davor hatte, geliebt zu werden. Nun erkenne ich, dass jede Suche nach Liebe nichts anderes war, als die Suche nach ihm. Mein lebenlanges Trachten nach Erkenntnis erweist sich als Versuch, mehr zu wissen über ihn. Und mein Streben nach Sicherheit, das mich rennen liess nach Geld und Prestige und Macht; im Grunde war es nichts mehr als die Suche nach ihm; oder die Flucht vor ihm, der mich liebte und der auch jetzt mich liebt. Sein Blick durchdringt mich bis in die letzten Tiefen meiner Person. Ich bin voller Scheu vor diesem Blick, der kein Blick ist, sondern ein Erkennen, das mich durchdringt und dennoch zärtlich mich umfasst mit den Augen dessen der liebt. Gott kennt mich und er erkennt mich und anerkennt mich im tiefsten Sinn dessen, was das Wort in den biblischen Schriften bedeutet. Er erkennt mich, und dieses Erkanntwerden ist wie Feuer und Eis und wie Ekstase und Verlieren der Sinne und Ausgehöhltwerden bis auf den Grund. Und dennoch bin ich voll, bin ergriffen durch ihn und so erfüllt wie ich es nie im Leben war. Gott kennt mich und erkennt mich. In Scham suche ich mich zu verbergen vor seinem erkennenden Blick. Aber wohin sollte ich fliehen ? Es gibt kein Versteck und es gibt keinen Ort um mich zu verbergen, weil dieser Gott, der mich kennt, in mir selber ist. Er ist in mir und er ist um mich. Er erfüllt mich und umgarnt mich und durchdringt mich und lässt mir dennoch jede Freiheit ich selber zu sein. Sein Blick, der mich umfängt, ist Zuneigung und Liebe, und bei aller Scham bin ich geborgen in einer Zärtlichkeit, die keine Grenzen kennt. Ich mache die Erfahrung des Aufgenommenseins, des Angenommenseins, so wie ich bin; mit allem, was ich bin und mit allem auch, das ich nicht bin, das ich schuldig blieb. Ich trage kein hochzeitliches Gewand. Meine Hände sind leer und das Öl meiner Lampe ist längst verbraucht. All dies aber zählt nicht mehr vor der Begegnung mit ihm. Und erfüllt von Scham und von Zärtlichkeit und von Reue kann ich nur das eine tun: Mein Herz zu diesem Gott erheben und ihm das sagen, was ich mein ganzes Leben nicht wirklich zu sagen vermochte: «Herr, wohin sollte ich gehen ausser zu dir!» Und die Antwort, die er mir dann geben wird in dieser unserer ersten Begegnung, wird jene sein, mit der er mich mein ganzes Leben schon rief: «Komm zu mir! Ich habe auf dich gewartet, denn ich liebe dich und habe dich immer geliebt!» Renold Blank war bis zu seiner Emeritierung 27 Jahre lang Professor an der Päpstlichen theologischen Fakultät von São Paulo in Brasilien und Gastprofessor an mehreren anderen Universitäten. Er ist Spezialist in Eschatologie, der theologischen Disziplin, die sich mit den Fragen um das Ende des Menschen und seiner Welt beschäftigt. Dazu hat er mehr als 20 Bücher veröffentlicht. Seit einigen Jahren bietet Dr. Renold Blank – meist in Zusammenarbeit mit seiner Gattin, Frau Dr. Christiane Blank, Spezialistin in Ehe-Theologie und Logotheorie – in Baldegg verschiedene Seminare und Kurse an, vgl. Jahresprogramm Klosterherberge «TreffPunkt 2009».

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