9 Ehrfurcht. Der Mensch, den wir beherbergen muss nicht erst ein anderer werden: schöner, gescheiter, umgänglicher. In der Ehrfurcht vor einander wächst die innere Beheimatung. Wie aber soll Beheimatung möglich sein in einer immer mehr beschleunigten Welt? «Was da an Ruhe möglich ist, kann nur wenig sein.» Reicht das Wenige, um auf der Flucht des Lebens Beheimatung und Geborgenheit zu finden? Eine Holztüre in der Kirche Santa Maria im Kapitol in Köln zeigt eine Darstellung der Flucht Jesu nach Ägypten. Die Türe ist über tausend Jahre alt. Auf dem Bild ist ein Ausschnitt zu sehen mit Maria und dem Kind.Am linken Bildrand ist der Fuss des hl. Josef erkennbar und der Flügel des Engels, der Josef aus dem Schlaf aufweckt. Rechts am Rand reicht der Wanderstab Josefs mit zwei Brotkringeln ins Bild hinein. In der Mitte, auf einem Lasttier, sitzt die Gottesmutter wie auf einem Thron. Sie trägt das göttliche Kind an ihrem Herzen. Sie birgt das Kind mit ihrem Leib. Sie ist die Bergende, aber auch die Geborgene – mitten in Flucht und Heimatlosigkeit. Aus dem Bild kommt uns Ruhe und Geborgenheit entgegen. Der Betrachter gewahrt nichts vom Schrecken der Flucht.Aber der Preis der Geborgenheit ist am Bildrand angedeutet. Der Preis der Geborgenheit ist die Wachsamkeit und der Aufbruch. Beides geht von Josef aus. Mitten in der Nacht, heisst es, brach er auf. Er steht auf. Er geht voran. So kann Maria das göttliche Kind bergen. Was Menschen einander geben, was sie füreinander bedeuten, ist eingehüllt ins Geheimnis. Im Bild wird das Geheimnis sichtbar im göttlichen Kind. Ruhe geht von ihm aus, Ruhe auf der Flucht. Alle Geborgenheit auf dem Pilgerweg unseres Lebens kommt aus der verborgenen Mitte im Menschen. Sie ist sein Geheimnis. Meister Eckehart deutet das Geheimnis: «Gott ist in uns daheim, wir sind in der Fremde.» Als Pilger auf weiten und mühsamen Wegen waren die Gläubigen im Mittelalter unterwegs nach Santiago de Compostela. Sie verstanden ihr ganzes Leben als eine grosse Pilgerfahrt. Die Hoffnung der Pilger war die geglückte Ankunft im Heiligtum von Santiago. Sie war ihnen Bild und Vorgeschmack für die Ankunft im himmlischen Heiligtum. Heute sind die Pilger von neuem unterwegs, auf dem gleichen Weg wie damals. Ich bin ihnen begegnet, auf dem Weg und in der Herberge, und sie haben mich nachdenklich gemacht. In einer Welt, die immer stärker geprägt wird von einer fast grenzenlosen Mobilität, suchen die Menschen einen Ort der Ruhe, Ruhe auf der Flucht. Was da an Ruhe möglich ist, kann nur wenig sein, «eine Handvoll, ein Mundvoll, und nur für eine kleine Weile». Aber das Vorhandene genügt für beide, für den bergenden und den geborgenen Menschen. Denn beiden wird in der Ruhe auf der Flucht ein Vorgeschmack zuteil, was Ankunft bedeutet im «Land der Ruhe», in der Heimat, zu der sie ein Leben lang unterwegs sind. Aus dem Land der Ruhe kommt dem pilgernden Volk die Verheissung entgegen: «Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist; denn ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich beherbergt.»
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=