8 P. Hubert Holzer SJ, Zürich Ruhe auf der Flucht Deutlicher noch als der Pilger macht uns der Fremde bewusst, dass wir alle auf Herbergssuche sind, dass wir eine Heimat und eine Beheimatung suchen. Der Fremde ist fremd im fremden Land mit fremder Sprache. Wenn ich mir die Haare schneiden lasse vom Perser, der geflüchtet ist, versucht er mir zu erzählen von seiner Frau und von seinem Kind, die in der Heimat zurückgeblieben sind. Wenn er erzählt, kommt etwas Ruhe in sein Herz, Ruhe auf der Flucht. «Wenn ich Maler wäre, würde ich immer bloss die Ruhe auf der Flucht malen. Unser Jahrhundert hat ja die Fluchten zu seinem Haupt- und Lieblingsgeschäft gemacht. Wer es sehen wollte, müsste es sehen, dass all diese Fluchten Geschwister der Beschleunigung sind, die wir in die Welt brachten. Auf jeder Autobahn kann man dieselbe Flucht sehen, ... Was da an Ruhe möglich ist, kann nur wenig sein. Im Wildwasser einige Pfähle, im Quirlwasser. Da ergeben sich so kleine, unbeständige Stellen, Wassergruben, du kennst das. Kleine Tröge, kaum messbare Mulden. Ein wenig Abstrom wird aufgehalten, eine Handvoll, ein Mundvoll, und nur eine vorübergehende Weile. Damit doch nicht alles gleich wieder hinfahre, sich fremd mache.» Das Bild vom Wildwasser mit den kleinen Mulden veranschaulicht, was mit Beherbergen gemeint ist. Beherbergen bedeutet, dem gehetzten Menschen ein wenig, eine Handvoll, ein Mundvoll Ruhe zu verschaffen. Ruhe ist in der Ankunft. Es mag dem Fremden gehen wie den Pilgern auf dem Jakobsweg. Er ist froh, wenn er erst einmal ein Dach über dem Kopf hat. Aber diese Ruhe darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der gehetzte Mensch auch innerlich ankommen muss. Einen Menschen beherbergen heisst darum, ihm eine innere Heimat geben. Die innere Beheimatung kommt nicht von einer Unterkunft, sie kommt vom Menschen, der da ist, der Zeit hat, der zu verstehen sucht und so eine Handvoll Ruhe ins gehetzte Leben bringt. Die innere Beheimatung kommt vom Menschen. Wer anderen Geborgenheit und Beheimatung zu geben vermag, wird nicht selten bekennen, dass er mehr empfängt als er selber zu geben vermag. Beherbergen ist nie ein Almosen. Im Idealfall ist es ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Der Idealfall trifft zu, wenn der bergende Mensch nicht etwas, sondern mit der Gabe sich selber gibt und wenn der geborgene Mensch auf die Gabe mit seinem Wesen zu antworten vermag. Da kommt wahre Begegnung zustande. Sie erwächst aus der Kloster Baldegg In diesen Tagen bin ich oft den Pilgern begegnet, die auf dem Jakobsweg durch die Schweiz wanderten. Am Abend traf ich sie wieder am Empfang des Bildungshauses, wo sie nach einer Unterkunft fragten. Wenn es kein freies Zimmer gab, waren sie zufrieden mit einer Matratze. Sie hatten für die Nacht eine Herberge gefunden, hatten wenigstens ein Dach über dem Kopf. Am anderen Morgen zogen sie weiter. Die Pilger machten mich nachdenklich. Sie erinnerten mich an ein Wort, das den frühen Christen zugesprochen wurde: Als Pilger und Fremdlinge seid ihr unterwegs, wie unsere Väter, die von sich bekannten «dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind». Mit diesen Worten gaben sie zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen, die sie nie gesehen haben. «Wohin denn gehen – immer nach Hause», antwortet der Dichter Novalis, der früh vollendet mit neunundzwanzig Jahren starb.
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