baldeggerjournal

15 Baldegger Schwestern Gerne lasse ich den Leser, die Leserin, einen Blick hinter diese Türe werfen: Wir betreten einen Raum, der auf 10 x 6 Quadratmetern unsere 178-jährige Klostergeschichte beherbergt. Trotz der Dichte des Archivgutes und der Enge des Raumes treffen wir kein Massenlager wirr gestapelter Akten oder Museumsstücke an, sondern vielmehr eine wohldurchdachte, systematisch geordnete Sammlung. Im ersten Moment ein ernüchternder, fast enttäuschender Anblick. Doch, wenn wir den Schränken und Regalen entlanggehen, beginnt der Raum zu leben. Er erzählt von Rittern, die vor uns das Schloss bewohnt haben, von der Idee, die unser Gründer hatte, als er das Schlossgut kaufte. Wir erfahren alle Namen der Schwestern, die je hier im Kloster gelebt haben und bekommen einen Einblick, wie die Ordensgemeinschaft organisiert ist, und wer sie leitet. Wir sehen, was wir Schwestern tun, wo sie überall arbeiten und wie wir eingebunden sind in Kirche und Staat. Siegel aus frühen Korrespondenzen, Fotos, Film- und Tondokumenten runden die Reise in die Vergangenheit ab. Manchmal kommen Personen zu uns ins Archiv mit ganz konkreten Anliegen, z.B.: Als mir vor acht Jahren die Arbeit im Archiv angeboten wurde, stellte ich ähnliche Fragen. Inzwischen weiss ich: «Das Archiv ist ein Ort, der die Vergangenheit beherbergt, d.h. hier werden Verträge und kostbare Schriften gesammelt und einschneidende Ereignisse aufgeschrieben, damit sie nicht verloren oder vergessen gehen.» Ein Archiv führen ist heute für die meisten Institutionen und Vereine eine Pflicht. Interessanterweise finden sich die ersten Archive in Klöstern, Burgen oder Fürstenhöfen. Auch unser Archiv – das Klosterarchiv – war ursprünglich im Schloss Baldegg beheimatet. (1830–1939). Später ruhte es eine Weile in der oberen Sakristei der Institutskirche, bis es 1981 ins Mutterhaus des Klosters gezügelt wurde, wo ein unscheinbares Türschild auf seine Existenz hinweist. Sr. Carmela Willisch, Baldegg Wo der Same der Zukunft seine Herberge hat Häuser oder Räume werden meistens nach ihrer Funktion benannt. So das Wohnhaus, das Einkaufszentrum, die Gaststätte, das Archiv – Archiv? – Was ist ein Archiv ? Was macht «man» da ? Studentinnen oder Studenten setzen sich mit unserer Ordensgeschichte auseinander und möchten darüber eine Arbeit schreiben; andere möchten gerne mehr wissen über unsere Tätigkeiten in den Missionsgebieten. Architekten interessieren sich für unsere Baugeschichte und Wanderer oder Spaziergänger fragen nach Herkunft und Bedeutung unserer Wegkreuze, Kreuzwege oder anderen Skulpturen, die auf dem Klosterareal anzutreffen sind, usw. In solchen Fällen legen wir, Sr. Marie-Christine oder ich, entsprechende Dokumente bereit und die Leute können sie einsehen. Manchmal müssen wir selber in alten Büchern und Unterlagen nachlesen, um Zweifel zu klären, Ansprüche und Rechte zu verteidigen oder Handlungen zu rechtfertigen. Und wenn wir einmal selber nicht weiter wissen – was auch vorkommt – können wir immer noch auf eine umfangreiche Kartei zurückgreifen und dort Rat holen. In all den Jahren, in denen ich nun hier im Archiv arbeiten darf, ist mir der Raum vertraut und lieb geworden. Und manchmal denke ich: Unser Klosterarchiv ist wie fruchtbare Erde die Samen beherbergt. Aus ihr will Neues hervorspriessen.

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