baldeggerjournal

14 Ort ist, an dem Menschen unserer Zeit daheim sein können. Bildung braucht Orte. Warum? Sich-bilden heisst: im Wissen Zusammenhänge entdecken; merken, was zusammen gehört und wie es zusammen gehört; heisst auch: in der Masse von unzusammenhängenden Informationen, die auf uns niederprasseln und von denen wir uns unterhalten lassen, eine Ordnung herstellen; damit all das Viele einen Sinn bekommt, damit wir darin leben können; etwa so, wie ein Baum lebt, mit seinen Wurzeln, seinem Stamm und seiner Krone. Dafür braucht der Baum seinen Ort; seine Wurzeln einen nahrhaften Boden, Blätter und Krone eine günstige Atmosphäre; dazu wechselnde Jahreszeiten und überhaupt: Zeit und Geduld. Und dazu eben den Ort, an den man immer wieder hinkommen kann, an dem es andere Bäume gibt mit andern Ordnungen, damit man unablässig dazu lernt. Und dann, Personen antreffen. Personen, für die ich nicht nur in meiner beruflichen Funktion wichtig bin; Personen, die sich selber nicht als Funktion begreifen, sondern als Dasein. Einfach: Ein Ort – und gute Luft! Wie bei Gerhard Meier: Luft und Fahnen in der Luft und Bäume Hahnenfuss Häuser und Leute und Luft. ‹Heimat› ist das schwierigste Kulturproblem unserer Zeit. Bildung: sich wandeln lassen Kann ich das riskieren? Lieber beim alten bleiben! Sicher ist sicher! Die Welt verändert sich so rasant, da bleibe ich besser so, wie ich bin! Man muss ja nicht jeder Mode nachrennen! Ja, es braucht Mut, sich wandeln zu lassen. Wie wäre es, wenn ein Baum sich plötzlich weigerte, weiter wachsen zu wollen? Wenn ein Mensch mit einem Male wollte, dass an ihm nichts mehr geschieht? Es kann sein, dass ich mich allzu wichtig nehme und darum stehen bleibe. Geschieht oft. Man darf sich in Gottes Namen nicht allzu wichtig nehmen. Dazu sagt der Philosoph Hermann Schmitz: «Ich möchte den heutigen Menschen nahe legen, sich selbst nicht gar so wichtig zu nehmen; denn Menschen sind wichtig als Medien der Darbietung von etwas, das an und mit ihnen geschieht, dem sie dienen oder sich widersetzen können.» 2) Vom Widersetzen spricht Gerhard Meier in der letzten Strophe des Gedichtes ‹Vom einfachen Leben›. Wind Sanftmütiger seit langem versuchst du den Bäumen das Gehen beizubringen du Unbelehrbarer Sich wandeln lassen ist etwas, dem man sich widersetzen – und dem man dienen kann. Ob ich bereit bin, dem Wandel zu dienen? Ob ich den Mut aufbringe? Immerhin: Leblos werden ist auch keine Option! Und keine Herberge des Lebens. Bildung: bereit sein aufzubrechen «Der gebildete Mensch kann bewundern, sich begeistern, ohne Angst, sich etwas zu vergeben. Insofern ist er das genaue Gegenteil des Ressentimenttyps, von dem Nietzsche spricht, des Typs, der alles klein machen muss, um sich selbst nicht zu klein vorzukommen. Er kann neidlos bewundern und sich an Vorzügen freuen, wie er sie selbst nicht besitzt. Denn er zieht sein Selbstwertgefühl nicht aus dem Vergleich mit andern …»3) Wer sich begeistern kann, kann aufbrechen. Wenn Ausdauer dazu kommt, werden grosse Pläne Tatsachen. Es ist nicht das Ziel der Stella Matutina, die Menschen bei sich zu behalten. Wir freuen uns, wenn Ideale wieder voran leuchten, wenn genügend vitaler Antrieb entstanden ist für den eigenen Weg und die eigenen Aufgaben. Es kommt nicht darauf an, welche Lebensaufgaben gemeint sind. Es gibt wichtige Aufgaben im Verborgenen; es gibt unwichtige, die in der Zeitung stehen. Aber immer sind es Leistungen, für die jemand aufgebrochen ist; mit einem Feuer, das vielleicht bald erlöscht, vielleicht aber tapfer weiter brennt. Ob gross oder klein, gebildete Menschen bleiben bereit, für ihre Aufgabe immer wieder aufzubrechen. Wer eine treue Herberge hat, hat einen Ort, von dem aus Aufbruch möglich ist. 1) Robert Spaemann. Grenzen S. 513 2) Hermann Schmitz: Der unerschöpfliche Gegenstand S. 257 3) Robert Spaemann. Grenzen S. 514

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