baldeggerjournal

12 Sich sorgen: ja. Der Schriftsteller Peter Handke reiste von 1987–90 per Bahn, Bus und zu Fuss durch Europa. Wie immer trug er ein Notizbuch bei sich. Eine Auswahl seiner Eintragungen erschien 2005 in Buchform. Das Buch hat mir Eindruck gemacht. Warum mir der folgende Satz auswendig geblieben ist, weiss ich nicht zu sagen. «Es gibt keinen Unterschied zwischen einer falschen und einer richtigen Sorge – die Sorge an sich ist falsch» (229). Diesem Ausspruch stimmte ich spontan zu. Für mich brauchte er keine Begründung. Trotzdem blätterte ich daraufhin im Buch. Wer so entschieden behauptet, hat nicht nur einmal darüber nachgedacht. Und so fand ich den andern Satz: «Erziehe dich zur Sorglosigkeit» (44). Da wurde ich neugierig. Wie macht der das, fragte ich mich. Zwei Antworten waren nicht schwer zu finden: «Um von der Sorge zu lassen, würde eine Religion gebraucht; mit der Vernunft und/oder Kritik ist gegen sie nichts zu machen.» (135). «Ein Gott, nicht als der Allmächtige, aber als der Allsehende: so einen muss es doch geben – der uns alle, alle sieht» (343). Ich kenne eine Frau aus Marokko. Sie ist in einem Bergdorf aufgewachsen, im Hohen Atlas. Sie lebt seit ein paar Jahren in der Schweiz. Ihre Religion ist der Islam. Wir reden miteinander über unser religiöses Leben. Einmal sagte sie zu mir: Wir in Marokko, wir freuen uns, dass Allah alles Sich sorgen: nein Dr. P. Werner Hegglin, Hertenstein sieht, was wir tun und denken. Bei den Schweizerinnen und Schweizern habe ich den Eindruck: die sind gottfroh, wenn er nicht alles sieht, der liebe Gott. So verstehe ich den Satz Handkes vom Allsehenden, und so höre ich den Hinweis auf das Sichverstecken; sich verstecken als Inbegriff von Angst und Sorge. Um von der Sorge zu lassen, würde eine Religion gebraucht, schreibt Handke; eine Religion, die da ist, im Leben, eine Religion, die anklopft, rüttelt. Auf einer der letzten Seiten der Notizen können wir lesen: «Die Frage Gottes in mir: Warum bist du nicht da?» (400). Sich sorgen: ja. Philosophen schreiben in der Regel keine leicht lesbaren Bücher. Umso erstaunlicher, wenn ihre Forschungen eine eigenartig paradoxe Breitenwirkung haben. Leute, die das Buch nicht gelesen haben, sind imstande, den Inhalt einigermassen zu verstehen und interessiert davon zu reden. Wie ist das möglich? Das Buch hat etwas aufgedeckt, das alle angeht; in der Zeitung steht kurz etwas davon; zwei, drei packende Begriffe bleiben als Schlagwörter, zünden, und schon ist es soweit. So geschehen mit einem grundlegenden Werk des 20. Jahrhunderts, «Sein und Zeit», von Martin Heidegger. Einige Grundgedanken daraus kurz zusammengefasst: Die Existenz des Menschen ist nichts anderes als Sorge. Wohlverstanden, der Mensch ist nicht einer, der Sorge hat; er ist wesentlich Sorge. Sein Dasein ist Sorge. Warum? Menschsein heisst In-der-Welt-sein. In-der-Welt-sein zusammen mit der riesigen Menge von Dingen, die der Mensch hergestellt hat: Hammer, Haus und Helikopter. Von Dingen ist unsere Welt überfüllt. Der Hammer ist nicht nur da, er ist für etwas da. Darum muss man ihn richtig in die Hand nehmen und keinen Unfug mit ihm anstellen. Alles will richtig in die Hand genommen sein. Deshalb droht überall der Missbrauch und die Angst davor. Jeden Gebrauch der Dinge nennt Heidegger «besorgen». Menschsein heisst auch in der Welt sein mit Lebewesen, mit Pflanzen, Tieren und Menschen. Das Mitsein mit den Lebewesen wird «Fürsorge» genannt. Es geht nicht ohne. Und ohne Selbstsorge geht gar nichts. Diese «Fürsorge» fehlt oft. Das waren die zündenden Gedanken. Sie erleuchteten das Jahrhundert der Weltkriege, der Bürgerkriege, des Holocaust und des Gulag. Eine Welt der Sorge. Und hinter der Sorge steht übermächtig die Angst. «Unsere Grundbefindlichkeit ist Angst.» So steht es im Buch. Es ist ein weltberühmtes Buch geworden. Auch wer es damals nicht gelesen hatte, hatte es verstanden und versteht es noch heute, mehr denn je. baldegger bildungshaus

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