baldeggerjournal

13 Sich sorgen: nein und ja Nochmals, sich sorgen: nein. Wenn die Sorge selber reden könnte? Wenn sie offen aussprechen könnte, wer sie ist und was sie will? Sie kann es . Im Faust II von Goethe. Dort tritt sie auf im Zusammenhang mit dem neu aufkommenden Machbarkeitswahn; verstört von Ehrgeiz, Geld und Gewalt. Sie kommt in düsterer Nacht und spricht: «Wen ich einmal mir besitze, Dem ist alle Welt nichts nütze; Ewiges Düstre steigt herunter; Sonne geht nicht auf nicht unter, Bei vollkommnen äussern Sinnen, Wohnen Finsternisse drinnen, Und er weiss von allen Schätzen Sich nicht in Besitz zu setzen. Glück und Unglück wird zur Grille, Er verhungert in der Fülle. ... Er verliert sich immer tiefer Siehet alle Dinge schiefer, Sich und andere lästig drückend, Atem holend und erstickend; Nicht erstickt und ohne Leben, Nicht verzweifelnd, nicht ergeben. So ein unaufhaltsam Rollen, Schmerzlich Lassen, widrig Sollen, Bald Befreien, bald Erdrücken, Heftet ihn an seine Stelle Und bereitet ihn zur Hölle.» Faust ǁǁ.11450 ff Aus Machbarkeitswahn, verstört von Ehrgeiz, Geld und Gewalt wird der Mensch von Sorgen tyrannisiert und lebenslang in die Hölle geworfen. Das darf nicht sein. Sich sorgen: nein. Nochmals, sich sorgen: ja. Wir haben uns angewöhnt, und ich ertappe mich selber dabei, dass wir rasch sagen: Ich habe ein Problem! Obwohl wir in der Regel nichts anderes haben als eine Frage oder mehrere Fragen. Könnten wir doch hinter dem Problem die Frage sehen! Dann wäre die Situation weniger dramatisch. Offensichtlich aber lieben wir das Dramatische, leider. Auch «sich sorgen» hat einen ähnlichen Hintergrund. Könnten wir nicht, anstatt «sich sorgen» «ernstnehmen» sagen? Was ist denn das Leben anderes als eine unabreissbare Kette von Situationen, in die wir geraten und von denen wir Eindrücke empfangen. Unsere Fähigkeit zur Wahrnehmung gibt uns Eindrücke. Und da liegt der Punkt: Wir sollten Eindrücke nicht blitzschnell wie auf dem Bildschirm vorbeischwirren und verschwinden lassen. Eindrücke sind unser Leben, unsere Nahrung. Eindrücke sind ernst zu nehmen; ob sie süss sind oder bitter; sie haben uns etwas zu sagen. Wenn wir sie ernst nehmen, werden sie nicht so schnell zu Problemen und schon gar nicht zu Sorgengespenstern. Ernstnehmen ist besser als Sorge. Zu guter letzt geht es um Religion: Auf dem Grund der Sorgen schwimmen religiöse Fragen. Deshalb werden wir keinen Menschen je verachten, der sich sorgt. Wir werden aber bei Gott auch keinen beneiden. Literatur Peter Handke. Gestern unterwegs. Jung und Jung. Salzburg 2005 Martin Heidegger. Sein und Zeit. Tübingen. Niemeyer 1957 J.W.Goethe. Faust II. Christian Wegner Verlag. Hamburg 1963. Kommentiert von Erich Trunz. Blick auf den Pilatus von Hertenstein aus

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