baldeggerjournal

17 Ob ich auch Sorgen habe? Vielleicht die, dass die Lehrabschlussprüfung nicht in die Hosen geht, und ich eine gute Stelle finde. Und dass ich weiterhin so tolle Kolleginnen und Kollegen habe. Aber das sind eher Hoffnungen oder? Sorgen habe ich nicht. Ich bin kein sorgenvoller Mensch. Mit meiner Lehrstelle im Kurhaus Oberwaid hatte ich halt einfach Glück. Andere Kochlehrlinge erzählten mir, dass ihnen der Chef Teller nachschmeisse, den freien Tag entziehe oder den Lohn erst am 4. des Monats zahle. Bei mir ist es hingegen super gelaufen: ich habe keine grösseren Streitereien gehabt. Ich habe auch nicht gehört, dass sie nicht zufrieden sind mit mir. Gefunden habe ich die Lehrstelle übers baldeggerjournal. Es war mal ein Portrait vom Küchenchef drin. Da habe ich zu Mami gesagt, da möchte ich schnuppern gehen und habe grad selber angefragt. Vermissen tue ich in der Oberwaid nur den Kontakt mit den Gästen. Die vom Saal haben es da besser. Die Gäste haben für sie ein Gesicht. In der Küche ist der Gast nur «d’ Gallediät». Keinen Kontakt mit den Leuten zu haben, das vermisse ich mega hier. Aber in einem Restaurant möchte ich auch nicht arbeiten. Es ist nicht meines bis abends zehn Uhr zu warten, bis noch jemand einen Coupe will. Meine Traumstelle finde ich vielleicht nicht sofort. Mein Papa sagt: «Irgendwann geht dann schon ein Türli auf für dich.» Überhaupt Papa und ich sind absolut gleich. Vom Mami habe ich nichts, rein gar nichts. Nein, ehrlich. Mami sagt immer: «Wenn ich nicht hundertprozentig wüsste, dass ich dich auf die Welt gebracht habe, ich würde es nicht glauben, dass du meine Tochter bist». Also von den Füssen bis zu den Haaren: alles vom Papa. Auch den Dickkopf, sagt Mami. Und beim Essen ist es ebenso: wir haben genau das gleiche gern. Wenn er mich jeweils abholt am Bahnhof, dann erzählen wir uns auf der Heimfahrt alles, was den ganzen Tag gelaufen ist. Das ist immer lustig. Ehrlich, mein Papa ist mein kleiner Schatz. Ich habe es auch super in meinem grossen Kollegenkreis. Wir gehen miteinander in den Ausgang, lachen viel, tauschen News aus, gehen Velofahren und in den Turnverein oder machen einen Grillabend. Wir haben immer unglaublich viel zu schwatzen. Am schlimmsten ist es, wenn alle Kolleginnen bei mir zuhause sind. Letztes Mal wurde es so laut, dass Papa kam und fragte: Sind hier eigentlich hundert Frauen am Schwatzen? Dabei waren wir nur gerade sieben! Aber Papa und Mami haben alle meine Bekannten ins Herz geschlossen, das ist uuhlieb. Ich muss sagen: eigentlich bin ich ein glücklicher Mensch. Die Leute sagen etwa zu meinem Mami: «Du hast eine freundliche Tochter.» Es ist wahr, daheim grüsse ich alle im Dorf. Einer der mich nie grüsste, den habe ich inzwischen so weit, dass er mir auch winkt. Ich habe einfach nicht aufgehört, ihm jeden Morgen zu winken. Jetzt tut er es auch! Kürzlich durfte ich meinen Eltern eine Einladung zu einem Prüfungsessen schicken. Papa hat extra einen freien Tag genommen und Mami ist auch nicht arbeiten gegangen. Als ich nach der Prüfung fragte: «Und Pa, wie war’s?», da hat er nicht viel gesagt, aber ich habe gemerkt, dass er richtig stolz war auf mich. Und ich konnte es kaum glauben: er hat alles gegessen, obwohl in der Vorspeise Pilze waren und in der Hauptspeise ebenfalls! Ich habe gedacht, der Pa, der isst das eh nicht. Mami hatte auch sehr Freude und hat alles gern gehabt. Sr. Zita und Sr. Bernadette waren bei diesem Mittagessen dabei. Darum habe ich Papa gefoppt: «Du, jeder Mann würde sich freuen, mit drei Frauen essen zu dürfen.» Mit den Schwestern in der Oberwaid habe ich sonst nicht viel zu tun. Früher habe ich auch gemeint, dass die Schwestern den ganzen Tag nichts anderes machen als Beten. Aber ich habe jetzt gesehen, dass die auch da sind zum Schaffen. Ich finde es auch schön, dass mein Tanti im Kloster ist und dass sie die Chefin ist von allen. Irgendwie ist sie ja auch die Chefin von der Oberwaid, aber nur so von weitem. Aber selber ins Kloster gehen, das könnte ich nicht. Es hat mir zwar gut gefallen, als ich einmal in Baldegg in der Küche war. Der Küchenchef dort war megalieb. Aber wenn ich im Kloster wäre, könnte ich ja nicht mehr in den Ausgang. Und die Klosterfrauenkleider möchte ich auch nicht anziehen, die sind nicht so mein Geschmack. Oh sorry, das tönt jetzt fast ein wenig beleidigend oder? Also, ich suche eine nettere Begründung, warum ich nicht ins Kloster gehen kann. Ich hab’s! Zwei Ziegler im gleichen Kloster, das wäre dann doch eine zuviel. Stimmt? Oder? jobs. Ins Kloster geht Roswitha Ziegler sicher nicht jobs@baldeggerschwestern.ch

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=