4 jetzt? In grosser Selbstverständlichkeit trägt sie jede Stange einzeln zurück ins Regal, angefangen mit der längsten. Lynn geht ruhig, freudig, glücklich, ich könnte sagen fast meditativ. Sie geht zehnmal den Weg, bis auch die kürzeste Stange wieder an ihrem Platz ist. Und dann? Lynn hat sich bereits eine neue Arbeit gewählt. Sie sitzt still versunken am Tisch und ist ganz mit ihrem Tun beschäftigt. So wie sie mit den Stangen «eins geworden ist», so scheint sie jetzt mit der neuen Arbeit tief verbunden zu sein. Hatte Lynn nicht gesagt: «Ich mag nüme!», war das nicht eine Meldung, dass sie nun Ausruhen will, berechtigt müde ist von dieser anspruchsvollen Arbeit, eine Stärkung braucht, dem «Nichts-tun» frönen möchte, alles liegen lassen und die Beine hoch lagern ... oder zumindest sich eine Weile mit keiner Arbeit beschäftigen? Dem ist aber nicht so. Kindsein heisst «aktiv sein». Kinder trennen nicht zwischen Arbeit und Ausruhen. Das Kind lebt ganz im Jetzt. Alles was es tut, tut es mit seinen Sinnen und mit seinem ganzen Sein. Sind Kinder müde, so schlafen sie. Sind sie aber wach, wollen sie aktiv sein, wollen erleben, erforschen, erfahren, erkunden, entdecken, handeln, begreifen, vor allem selber tun. Dem Kind ist es gleich, was andere wissen. Es will selbst lernen, seine Erfahrungen in der Welt machen und sie durch seine persönliche Anstrengung wahrnehmen. Unser Bedürfnis und unsere Formen nach Ausruhen sind den Kindern fremd. Ihr Ausruhen ist nicht ein «Ruhen im Aussen». Ihre Form des Ruhens ist ein inneres Ruhen, ein «In-sich-Ruhen», ein ganz «Bei-sich-Sein». Lynn hat in diesem Sinn «geruht», als sie glücklich, erfüllt und zufrieden die zehn Stangen ins Regal zurück trug. Sie hat damit nicht nur ihre Arbeit zu einem guten Abschluss Lynn hat einen Teppich ausgerollt und ist dabei, sich ihren Arbeitsplatz vorzubereiten. Was mag sie wohl im Sinn haben. Welche Wahl hat sie getroffen? Lynn ist noch keine vier Jahre alt, sie hat sich die «Numerischen Stangen» gewählt. Das sind Stangen, bei denen die Kinder die Menge von eins bis zehn konkret erleben, «be-greifen» und zählen können. Ganz mit ihrem Tun beschäftigt geht sie im Kinderhaus hin und her, trägt Stange für Stange zu ihrem Platz. Lynn läuft zehnmal bis alle Stangen auf dem Teppich sind. Die längste Stange misst ein Meter. Alle zehn Stangen liegen geordnet da. «Welche Stange soll ich bringen?» fragt mich Lynn. Ich denke nach und wünsche mir die «Stange 4». Lynn geht den Weg zurück an ihren Arbeitsplatz, ihre Augen suchen, ihre Hände zählen, die rot-blauen Unterteilungen der Stangen helfen. Sie erkennt die richtige Stange und trägt sie zu mir, überprüft, indem sie die Stange nochmals zählt und strahlt mich aus ihren leuchtenden Augen an. «Das ist «Stange 4» und jetzt, welche Stange soll ich bringen?» Sie mag es kaum erwarten meinen Wunsch zu hören. Lynn geht hin und her, sucht, zählt und überprüft Stange um Stange. Immer wieder. Die Lust scheint mit jeder Stange zu wachsen. Unermüdlich ist ihr Tun. Freude am Selbertun, Ernsthaftigkeit, Konzentration und Ausdauer prägen ihr Handeln. Wenn ich ab und zu wieder die gleiche Stange wünsche, lacht sie und ruft: «Scho wieder!» Mit zunehmender Sicherheit greift sie die Stange, erkennt die Menge, ruft: «Ich muess scho nüme zelle». Hin und her, Stange für Stange, unermüdlich, doch dann, ganz plötzlich und unerwartet sagt sie: «Jetzt mag ich nüme». Ja, Lynn hat eine grosse Arbeit geleistet und mehr als eine halbe Stunde kurze und lange Stangen gezählt und hin und her getragen. Die Arbeit ist beendet. Und was tut Lynn Sr. Theres Brändli, Baldegg baldegger klosterdorf Ruhen Kinder denn nie? Janic, Jenny und Laura mit den Zylinderblöcken
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