baldeggerjournal

5 geführt, sondern sich auch die Zeit gegeben, in diesem meditativen Hin und Her das Erlebte zu verinnerlichen, zu ihrem «Eigenen» zu machen. In solchen Situationen erleben wir die Kinder im Kinderhaus in einem wunderbaren Gleichgewicht. Ihr inneres Tun und ihr äusseres Handeln bilden eine Einheit. Ist es da verwunderlich, wenn Maria Montessori uns rät: «Unser erster Lehrmeister wird also das Kind selbst sein». Lynn ist nicht allein in ihrem unermüdlichen Arbeiten. Im Montessori Kinderhaus herrscht ein reges, freudiges und vertieftes Tun. Die dreissig Kinder sind im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Kinder in ihrer Arbeit zu beobachten ist eine Bereicherung. Ihre Handlungsweisen sind «eine ständige Quelle der Offenbarung». Sie sind fast unentwegt am Arbeiten, alleine, zu zweit, in Gruppen. Alles im kindlichen Sein ist Aktivität. Der Inbegriff der Aktivität ist das Leben. Manuel ist fasziniert von der Wirkung des Magnets. Er forscht und entdeckt, was magnetisch ist und was nicht. Zwischendurch sind Ausrufe des Erstaunens und der Überraschung zu hören. Ab und zu ein «Jauchzer des Glücklichseins». Eliane liest Wortkarten. Ihre Lippen bewegen sich, bilden Laut für Laut. Sie spricht das Gelesene vor sich hin: «Zebra!», sucht im Kistchen das kleine hölzerne Zebra und ordnet die Wortkarte zu. Sie lächelt vor sich hin, das Lesenlernen war ihr grosser Wunsch. Nun ist sie soweit. Janic, Laura und Jenny sitzen am Boden. Auf dem Teppich sind die vier Zylinderblöcke bereit. Die vierzig Zylinder stehen auf dem Holzbrett. Sie suchen die passende Öffnung und stecken Zylinder um Zylinder zurück. Ihr gemeinsames Tun ist fröhlich und doch konzentriert. Sina holt sich den Binderahmen. Schon bald gelingt ihr das Binden ohne Hilfe. Sie übt und übt. Der Wille, selber binden zu können ist in ihrem Handeln sichtbar. Eines Tages wird sie den jüngeren Kindern helfen beim Binden. Schwester Christianne begleitet Felicia im Bereitstellen des Znünis. Voll Eifer stellt Felicia Brot, Äpfel, Tee und Wasser auf den kleinen Znünitisch. Der Tisch bietet Platz für vier Kinder. Nach dem Znüni reinigt Felicia den Tisch und wäscht Tasse und Teller, lange Zeit, genüsslich und voll Hingabe. Nun stehen Tasse und Teller für ein nächstes Kind bereit. Am Znünitisch herrscht ein freudiges Kommen und Gehen. Ich selber sitze mit dem dreijährigen Nikola am Tisch und zeige ihm die Farbtäfelchen, immer zwei gleiche gehören zusammen. Ich brauche nicht viele Worte, das Material spricht für sich. Mit strahlenden Augen sucht Nikola das jeweils passende Täfelchen und ordnet es zu. Das Tun steht im Vordergrund, aktiv sein, selber machen. Auch Nikola geht hin und her, schaut, sucht, bringt, überprüft und erkennt selber, ob er richtig gewählt hat. Strahlende Augen zeugen von Freude und Erfüllung. Müde? Nein! Wenn für Nikola die Arbeit beendet ist, folgt eine neue. Maria Montessori sagt: «Das Kind ermüdet nicht bei der Arbeit; es wächst an der Arbeit, und die Arbeit erhöht seine Energie. Das Kind wünscht nie, dass man es von seiner Mühe erlöse, es will vielmehr seine Aufgabe gut und selbständig ausführen. Wird sich der Erwachsene nicht dieses Geheimnisses bewusst, so wird er nie die Arbeit des Kindes verstehen». Oft wünschte ich mir, mein Ausruhen wäre auch ein «Inmir-Ruhen», ein «Ganz-in-mir-Sein». Aber es ist dies das Geheimnis des Kindes: Das Kind ruht «innen», es ist ganz in sich, bei sich, da wo die wahre Quelle des Lebens sprudelt. Lynn mit den Numerischen Stangen

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