6 – Der Tagesablauf der Mönche – streng, konsequent, gleichbleibend – spiegelt die Kraft und Ruhe des gregorianischen Chorals wieder. Rhythmus und Klang halten das Leben in Fluss. Ora et labora Bete und arbeite: So lautet der wohlbekannte benediktinische Wahlspruch. Auch die Baldegger Schwestern haben ihn zum Leitspruch. Darin ist das ganze menschliche Leben aufgehoben: empfangen und geben, ruhen und leisten, Gott und Mensch, Himmel und Erde. Für Menschen ausserhalb der Klostermauern, eingespannt in eine auf Effizienz eingeschworene Arbeitswelt, heisst der Wahlspruch vielleicht: leben und leisten oder konsumieren und verdienen oder Freizeit und Arbeit. Wie auch immer, es geht um eine lebensdienliche Spannung, die sich nicht auf einen Pol hin auflösen lässt, sondern als Rhythmus gelebt werden will. Pausen und nutzlose Räume sind dabei wichtig. Der heilige Benedikt liebte das Leben, das wahre Leben, das Leben in Fülle. Die Sehnsucht danach ist die einzige Haltung und Eigenschaft, die er von einem, der an die Klos- terpforte anklopft, verlangt. Das monastische Leben ist einer der Wege, die Fülle des Lebens zu suchen und zu finden. Auch den Menschen ausserhalb der Klostermauern verlangt danach. Was kann dabei hilfreich sein? Die monastische Lebensweise könnte für uns alle Hinweise enthalten. Sich erholen beim Arbeiten Ein weiterer starker Eindruck beim täglichen Anschauen dieser Fotos und in der Begegnung mit PÍre Jean-Marie war: Ausruhen ist nicht das Gegenteil von arbeiten. Wer hat diese gute Erfahrung nicht schon gemacht: Aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzem Denken und aus aller Kraft bei einer Sache sein, das befriedigt, erfüllt und stillt. Ganz anwesend sein können in der Arbeit, mit ungeteilter Aufmerksamkeit, nichts ausklammern müssen, was unser Menschsein ausmacht, wer wüsste nicht von diesem Glück. Eines nach dem andern tun, in Ruhe anfangen und in Ruhe aufhören, dem Weg dazwischen seine Zeit geben, das beruhigt. Wir fühlen uns dann nach getaner Arbeit nicht nervös, abgeschafft oder ausgelaugt, höchstens wohlig müde. Denn das, was in allem Tun mit uns und an uns geschieht, honoriert und regeneriert uns fortwährend. Die Arbeit selber birgt Ruhe in sich, die Art und Weise, wie wir sie verrichten, setzt diese Ruhe frei. Ausruhen und Arbeiten sind dann nicht Gegensätze, sondern belebende Bezogenheiten. Das macht das Leben der Mönche auf eindrückliche Art sichtbar. Wir kennen die andere Erfahrung nur zu gut: Eines überstürzt das andere. Wir hetzen von Ziel zu Ziel. Der Weg dazwischen wird nichtssagend. Vieles läuft gleichzeitig. Unsere Aufmerksamkeit spaltet sich auf, Gefühle spalten sich ab. Wir atmen kaum mehr ein, nur noch aus. Die Arbeit wird zum reinen Zweck. Der Leib erfährt nur noch Anspannung, er reagiert mit Schmerzen. Herz und Geist werden müde und der Ruhe unfähig. Daraus kommen Ermüdung, Erschöpfung, Missmut, und traurige GestimmtVon Mitte September bis Ende Oktober hingen bei uns in der Stella Matutina 75 schwarz-weiss Fotografien zum «Leben im Kloster Hauterive». In der Zisterzienserabtei bei Fribourg leben 22 Mönche, 6 davon sind jünger als 36 Jahre alt. Die Gründung dieses benediktinischen Reformordens reicht ins ausgehende 11. Jahrhundert zurück, in eine Zeit starker religiöser Erneuerungsbewegungen. Zum Abschluss der Fotoausstellung konnten wir den Zisterziensermönch PÍre Jean-Marie Lussi für eine «Hertensteiner Begegnung» gewinnen, eine unvergessliche Begegnung. PÍre Jean-Marie erzählte, wie die monastische Lebensweise zu einem Modell gelingenden Lebens werden kann – über die Klostermauern hinaus. Diese Begegnung und die Fotos zum Leben im Kloster haben mich nachhaltig beeindruckt. – Alle Tätigkeiten der Mönche strahlen eine kraftvolle Ruhe aus: ob beim Backen des Brotes oder beim Sortieren der Wäsche, ob beim Studium im Scriptorium oder beim Jäten im Garten, ob beim Singen im Chor oder bei der Arbeit im Stall, es gibt keinen Unterschied. – Alle Fotos lassen schöne Bewegungen aufscheinen: ob beim Kneten des Brotteigs oder beim Schreiten durch den Kreuzgang, ob beim Sägen im Wald oder beim Malen von Ikonen, ob im Gespräch mit Gästen oder beim Hantieren in der Küche; es macht keinen Unterschied. – Die Architektur des Klosters beeindruckt durch den «nutzlosen» Raum, den monastischen Kreuzgang. Und die Landschaft, in die das Kloster Hauterive eingebettet ist, wirkt nicht wie Umgebung, ist vielmehr Lebensraum, ungeachtet der Klostermauern. Sr. Hildegard Willi, Hertenstein baldegger bildungshaus Das Nützliche schafft Raum für das Nutzlose
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