baldeggerjournal

14 «Gebären, das war für mich Entspannung und Ausruhen, nicht einfach nur Arbeit!» Verdutzt und verständnislos blicke ich Schwester Clementina an. Was soll das? Doch die Schwester lässt sich nicht beirren. Unbeeindruckt sitzt sie auf der Kante des bedrohlich wippenden Stuhles. Dunkle lebhaft-funkelnde Augen doppeln nach: «Ja, ja, so ist es. Beim Gebären konnte ich mich immer gut ausruhen». Sagt’s und fährt unbeirrt fort: Station um Station, Jahrzehnt um Jahrzehnt ihres gut fünfundsiebzigjährigen Lebens werden durchklickt. Nur summarisch, knapp, sachlich. Da fliegen die Ortschaften, fliegen die Menschen und Jahre an mir vorbei. Überschallgeschwindigkeiten für meinen Kopf. Der afrikanische Busch legt sich ungefragt über das stolze Urgestein des Sarganserlands und dieses haust sich ein in den lieblichen Hügelzügen des Seetals. So wie geöffnete Websites auf dem Bildschirm sich überlagern, liegen ihre Lebens-Landschaften da. Plötzlich ist alles sekundennah beieinander, nahtlos verwoben in dieser Frau. Wo aber ist sie daheim? «Heimat, das ist für mich überall, wo der HerrUnd für einen Moment ruht die Welt Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg gott ist. Und der ist ringsherum». Interessant ist es, dieses schnelle Switchen zwischen den Bühnen ihres Lebens. Bald sieht man sie vor einer armseligen Buschhütte stehen, umringt von tanzanischen Frauen. An ihren Rücken baumeln die in farbige Tücher eingewickelten Säuglinge. Schokaldefarbene Kinderbeine stampfen wie wild im Sand. Bald spielt sie daheim im Geschäft ihres Vaters, erzählt, dass sie ihm zuliebe halt Bauschreinerin habe lernen müssen, statt Ärztin. Akademiker gäbe es normalerweise nicht in Gewerbefamilien. Und sie seien eine solche gewesen. So habe ihr Vater gedacht, so habe er gelebt. Aber sie habe das akzeptiert. Und weil sie spürte, dass sie dem Vater mit ihrem Einsatz helfen konnte, hätte es ihr eigentlich auch Freude gemacht. Vieles hat in den zehn Jahren im väterlichen Geschäft Platz gehabt. Überall schien sie dabei zu sein. Sie liess ihre Stimme ausbilden, spielte mit Leib und Seele Theater, wirkte in Operetten mit oder trat als Solistin auf. Alles andere lief auch noch nebenbei: kochen, nähen, flicken, handwerken, servieren, Gäste betreuen. Dieses Vielerlei an Nebenbeschäftigungen hätten ihr Entspannung und Ausruhen von der eigentlichen Arbeit bedeutet. Das sei auch heute noch so: Wenn sie mitgehe in eine der vierundvierzig Basisgemeinden, die zu ihrer Pfarrei Kwangulelo gehören im Norden von Tanzania, dann sei für sie der gemeinsame Gottesdienst sozusagen das Ausruhen von der Last der Woche. Der Kontakt mit den Frauen und Kindern, das Anhören ihrer Sorgen und das Anteilnehmen an ihren Freuden, das entspanne sie. Zurück in den väterlichen Betrieb: ihr Einsatz als Schulmädchen im Betrieb sei wirklich nötig gewesen: Der Vater im Dienst, die Mutter eher kränklich mit den Kindern, das Geschäft mit den Angestellten, alles hätte ja irgendwie gehen müssen. Auf der faulen Haut habe man nicht liegen können. Der Vater habe ihr das alles zugemutet, habe ihr von der Front täglich die Aufträge fürs Geschäft übermittelt. Geschadet habe ihr das nicht, aber stark habe es sie gemacht. So stark, dass sie ihren Willen, ins Kloster einzutreten, dann – nach zehn Jahren im Geschäft – doch dem Vater abgetrotzt habe. Sie wollte Missionsschwester werden, so fest wie sie damals als Kind hatte Ärztin werden wollen. Aber diesmal klappte es. Plötzlich war es da, das Gefühl für ihr Aushalten daheim tausendfach entschädigt zu werden: Im Kloster durfte sie sich sofort zur Krankenschwester ausbilden lassen, anschliessend noch Hebamme werden und nach England zum Erlernen der Sprache. Alles, was sie sich daheim hinter fliegenden Holzspänen ersehnt hatte, wurde nun ihr Alltag. Strenger und fordernder noch als jener Geschäftsalltag. Klebrigheisser, staubiger, ermüdender Buschalltag. Und dann ist es wieder da, dieses leichtfüssige Switchen, diesmal zwischen den Berufen, hin und her: Bauschreinerin, Hebamme, Krankenbaldegger missionen

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