15 schwester, Lehrerin und vieles andere mehr. Man rief sie dorthin, wo keine medizinische Infrastruktur vorhanden war und wo sich auch niemand sehnte hinzugehen. Sie durcheilt ihre Missionsstationen: Kipatimu, Ruaha, Pugu, Ifakara, Rhotia, Endamarariek, Arusha und wie die klingenden Orte alle heissen. Sie baute viel in Tanzania, hat Pläne gezeichnet, Handwerker begleitet, als Krankenschwester und Hebamme gewirkt. Kinder und Kliniken sind die sichtbaren, bleibenden und lebendigen Spuren ihres unermüdlichen Einsatzes. Durchschnittlich seien es mehr als siebzig Geburten im Monat gewesen. Einmal – auf dem Bett ausruhend – hat sie es ausgerechnet, hat multipliziert, die Jahre überschlagen. Unter dem Strich gerechnet muss es fast eine kleine Stadt von Menschenkindern sein, die sie so in diese Welt begleitet hat. Gegen dreissigtausend Geburten müssen es sein. Es gibt wohl keine Komplikation, die ihr nicht begegnet ist, beim Gebären nicht und beim Bauen nicht. Man glaubt es ihr. Und nun kommen halt die Komplikationen mit dem eigenen Körper. Fast scheint es, als ob sie die eigenen Beschwerden jeweils ausgeblendet hat bis das Flugzeug sie alle paar Jahre auf heimischem Boden landen liess. So gehören in ihre Heimaturlaube jeweils Arzttermine, Behandlungen, kleine Eingriffe. Und natürlich das Warten auf den nächsten Termin. Das macht sie nervös, auch heute noch. Denn sie möchte den geplanten Rückreisetermin nicht verpassen. Aber sie überlasse das nun dem Herrgott. So habe sie es immer gehalten. Damals im Sarganserland seien es die Hände ihres Vaters gewesen, die ihren Weg bestimmt hätten. Später habe sie gemerkt, dass es leichter geht, wenn sie ihren Alltag den Händen des Herrgotts überlasse. Überhaupt gehe seither auch das Mühsame leichter. Von diesem Mühsamen würde man gerne noch etwas von ihr hören. Wie das beispielsweise geht, wenn man im Busch mit Nichts anfangen muss? Wenn man die aufgebaute Krankenstation zu übergeben hat, gerade im Moment, wo es leichter wird, wo es schöner und besser zu werden scheint, angenehmer und bequemer? Wo endlich Erholung und Ausruhen in Sichtweite gerückt sind? Man muss den richtigen Zeitpunkt zum Gehen nicht verpassen, das ist ihre Antwort auf diese Frage. Langsam dämmert’s mir: das für mich Aussergewöhnliche ist für diese Frau das Gewöhnliche. Wie war das doch am Anfang unseres Gesprächs? Das mit dem Ausruhen beim Gebären? Also noch einmal: «Wenn ich bei einer Frau gesessen bin, die in Wehen lag, dann habe ich meine Hand auf ihren Bauch gelegt und in die andere Hand den Rosenkranz genommen. Das tat nämlich beiden gut. Beide sind wir so ruhig geworden, die Frau in ihren Wehen, ich in meinem Angespanntsein. Beim Beten des Rosenkranzes habe ich mich wunderbar ausruhen können. Und die schwangere Frau hat sich durch mein leises Beten ebenfalls entspannt. Das ist die beste Voraussetzung zum Gebären. Sehr oft kam das Kind auf die Welt noch bevor ich mit dem Rosenkranzbeten zu Ende war.» Ein wunderschönes Bild, so geht es mir durch den Kopf: Die Entspannung kommt mit dem Ausruhen in Gott und bringt neues Leben auf unsere Welt! Und für einen kurzen Moment steht die Welt still. Schwester Clementina
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