baldeggerjournal

2 baldegger missionen ins Kloster ein, studierte Psychologie, begann in Baldegg zu unterrichten und mitzuarbeiten. Ich hatte keine Freude an den Strebungen, die ich in mir erfuhr und die mich weiter trieben. Die Unfähigkeit, mich vor Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit und Gewalt längere Zeit zu verschliessen, war unbequem und liess mich meine Ohnmacht erfahren. Der Glaube, dass Jesus jede und jeden von uns meinte, als er sagte, «du bist der Fels, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen», gefiel mir, aber ihn in der papstbezogenen Kirche für mich in Anspruch zu nehmen, traute ich mich nicht. Die Radikalität und das Feuer der Heiligen – Franziskus, Klara, Bruder Klaus, Ignatius, Bischof Romero – imponierten mir, aber ich sah sie im Gegensatz zu meinem eigenen kleinlichen Leben. Das Lied «Zu Grossem sind wir berufen, Spiegel des Lichtes zu sein» (Klara von Assisi) sang ich voll Sehnsucht mit, aber angesichts unserer kleiner und älter werdenden Gemeinschaft schien es mir idealistisch. In diesem unruhigen Hin und Her von «ich möchte, aber ich kann nicht», das meine Mitschwestern geduldig mittrugen, wuchs kaum bemerkt die Leuchtkraft der Vision, in der ich die Welt erfüllt sah von Gerechtigkeit und Mitgefühl unter den Menschen und von Ehrfurcht vor Gott und seinen Geschöpfen. Einige biblische Gestalten machten mir Mut, dem Traum zu trauen und mich aufzumachen: Abraham, der ins verheissene Land aufbricht, Maria in der Begegnung mit Elisabeth, Magdalena, mit der Auferstehungsbotschaft zu den verängstigten Jüngern unterwegs ... Die Mitschwestern in der Generalleitung und in der Schule hätten ganz viele vernünftige Gründe gehabt, mir das Vorhaben, in Bosnien einen Anfang zu wagen, auszureden, zumal ich keine Vorstellung hatte, was ich dort konkret tun könnte. Heute nach fünf Jahren wissen wir, warum sie es nicht taten: Gottes Liebe und Lebensfreude sollte auch in diesem, unter den nationalistischen Tendenzen auseinanderbrechenden Balkanland weiter gehen. Das erste Jahr verbrachte ich in Banja Luka in der Gemeinschaft der Kostbar-Blut-Schwestern, um die Sprache zu lernen. Schritt um Schritt entdeckte ich das Land, seine Kultur und die Mentalität der Menschen. Wir ergänzen uns ganz gut. Ihre Freude an Kommunikation und Gemeinschaft, ihre grosszügige Gastfreundschaft und Gottgläubigkeit und ihre Kunst, Zeit zu verschwenden, waren und sind für mich heilende und stärkende Elemente. In dieser Zeit kristallisierte sich ein für mich geeignetes Arbeitsfeld heraus: Suchtpräventive Jugendarbeit. Die Franziskaner in Sarajevo waren bereit, infrastrukturelle Unterstützung zu leisten. Deshalb zog ich im Herbst 2001 nach Sarajevo, der Mit dem Gedicht von Hilde Domin verabschiedete ich mich vor fünf Jahren von meinem grossen Bekanntenkreis: Ehemalige, PraktikumslehrerInnen, KollegInnen, Kirchenfrauen, Verwandte, Freunde ... Damals, am 5. September 2000 reiste ich nach Bosnien-Herzegowina, allein, geleitet von der inneren Gewissheit, dass ich nach 16 Jahren Mitarbeit in der Lehrerbildung in Baldegg, einen neuen Anfang wagen soll in einem Land, in dem die Menschen nach dem Krieg 1992–1995 immer tiefer in den Teufelskreis von sozialer Not, Misstrauen und Verbitterung hinein geraten. In meinem Kopf hatte ich ein paar Bilder, Gehörtes und Gelesenes, Erfahrungen mit Kindern vom Balkan in Schweizer Schulen, Gespräche mit einer Flüchtlingsfrau. Die Reise war die Fortsetzung eines langen Suchens um Sinn und Ziel meines Lebens und des Ordenslebens. Als Kind erfuhr ich Unbehaust- und Ungesichertsein und die Mühsal des Anfangens gegen den eigenen Willen, als meine Familie den grossen und schönen Pachtbetrieb, auf dem ich geboren und aufgewachsen war, verlassen und eine neue Existenz aufbauen musste. Lange gelang es mir nicht, mich von der Vergangenheit zu lösen, neue Bindungen einzugehen und mit Vertrauen in die Zukunft zu gehen. Dennoch ging ich weiter, wurde Primarlehrerin, trat Sr. Madeleine Schildknecht, Sarajevo, Bosnien Ich setzte den Fuss in die Luft – und sie trug Hilde Domin

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