baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit P. Notker Wolf OSB, Dr. phil, seit 1961 Mönch der Benediktinerabtei St. Ottilien D. Von 2000 –2016 trug er als Abtprimas in Rom die Verantwortung für die über 800 Benediktinerklöster und Abteien. Heute lebt er in St. Ottilien, D. 14 HW Wer wollte oder könnte dem widersprechen? Unsere Weltsituation bezeugt es drastisch. Man müsste blind oder geradezu taubblind sein, um der Flut der sicht- und hörbaren Unheilnachrichten unbeschadet zu entkommen. Aber ich soll und will mich informieren, auch wenn mir beim Lesen der Zeitung, beim Hören der Nachrichten oder im Blick auf den Bildschirm oft angst und bange wird. Und wenn in unseren Tischgesprächen die konsumierten Sorgen der kleinen und grossen Welt auch noch zum Inhalt werden, wird es mir oft einfach zu viel. Selbst wenn aus dem verdunkelten Hintergrund verhaltenes Hoffen durchschimmert, bleibt ein banges Gefühl zurück. Zudem heisst uns heute die Werbung unaufhörlich sehnen, wünschen, erwarten und hoffen, indem sie mit ihren Verheissungen und Versprechen auftrumpft. Hoffen und sorgen sind bei uns Menschen seit eh verschwistert. Warum sollten wir uns denn ängstlich sorgen, wenn wir nicht dahinter etwas erhofften? Diese Zwielichtigkeit macht uns verführbar. Und unser unstillbarer Hunger nach News spielt erfolgreich mit. Aber das ist nicht alles. Wir werden geboren, um für unsere Mit- und Umwelt zu sorgen – nicht zuletzt für uns selbst. Darin liegt doch der Sinn menschlichen Daseins. Leben ist und bleibt sorgen. Sorgen bedeutet, sich um etwas kümmern in der Hoffnung, lebensdienlich zu handeln. Ob Hoffen und Sorgen gut und heilsam sind für den Menschen oder sogar schädlich, diese Frage hat vernünftige Menschen schon immer beschäftigt. Meine Antwort: die Entscheidung liegt bei mir. Ohne die Erfahrung der Endlichkeit wären wir Menschen sorglos wie die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels. Uns Menschen aber treibt eine existenzielle Angst um vor dem ‹In-der-Welt-sein› als solchem. Wir fühlen uns unbehaust, nicht selten als Fremdlinge. Das Gewissen offenbart sich uns als Ruf der Sorge, die eigene Endlichkeit auf uns zu nehmen, zu bejahen, ins Leben einzubinden, freundschaftlich. Den Abgründen des Daseins offen ins Auge schauen, Verantwortung übernehmen für sich, für andere, für die ganze Schöpfung, fordert Mut – nicht ohne Angst aber auf Hoffnung hin. Das ist und bleibt unsere Aufgabe. Aber wie soll das geschehen? NW Wir müssen eine Widerstandskraft aufbauen, eine Resilienz, um den Unbilden des Lebens widerstehen zu können. Wir brauchen die Kraft, Ja zu sagen zu der Unvollkommenheit dieser Welt, zu den ganzen Begrenztheiten, auch unseres eigenen Lebens. Wir müssen Ja sagen, dass unser Leben eines Tages zu Ende geht. Der heilige Benedikt nennt es ein ‹gutes Werk, den unberechenbaren Tod täglich vor Augen zu haben›, nicht als ob wir in ständiger Angst vor dem Tod leben müssten, sondern um realistisch unser Leben zu planen. Werte wie Reichtum, Genuss, Gesundheit, aber auch Friede und Freude, werden damit relativ. Wir können nicht das Paradies auf Erden einfordern, ein Leben ohne Leid und Schmerz. Wir sind geneigt, diese Tatsache zu verdrängen. Corona hat den Tod wieder in unsere Gesellschaft zurückgeholt. Allerdings wundere ich mich manchmal, wie ängstlich wir in unserer Gesellschaft geworden sind. In Afrika gehört der Tod einfach zum Leben. Auch die Afrikaner trauern beim Tod ihrer Angehörigen, alle müssen innerhalb eines Jahres das Grab besuchen, wenn sie selbst nicht an der Beerdigung teilnehmen konnten. Aber das Leben geht weiter. Die Bewältigung des Alltags, das tägliche Brot, ist für viele eine Sorge, die wir bei unseren sozialen Absicherungen nicht kennen. Wir sorgen uns ängstlich um ein gutes Leben für uns. Aber was bedeutet ‹gutes Leben›? HW Mit dieser Ihrer Frage nach dem guten Leben treffen Sie den Kern unseres Themas. Immer wieder holt sie mich ganz persönlich ein, auch in meiner Arbeit mit Menschen. Sie und ich wissen es: Diese menschliche Frage ist alt, ja uralt. An Antworten fehlt es nicht, doch die meisten greifen zu kurz, zu eng, bleiben an der Oberfläche haften. Leben ist sorgen

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