15 Mir hilft noch immer die einfache Antwort des grossen Philosophen Aristoteles: «Das gute Leben ist das letzte Ziel menschlichen Handelns. Es ist das, was nicht als Mittel zu etwas anderem, sondern als Zweck an sich selbst angestrebt wird.» Und dieser Zweck ist und bleibt das gute, menschenwürdige Leben für alle. Die fortschreitende Individualisierung und Selbstoptimierung in unserer Gesellschaft ‹zwingt› uns, auf diese alte Frage neu zu antworten. ‹Das gute Leben› ist auch heute noch das Leben in einer verlässlichen menschlichen Gemeinschaft. Kein Mensch genügt sich selbst. Wir sind von Geburt bis zum Tod aufeinander angewiesen. Ohne Mit-Menschen kein gutes Leben! Diese Einsicht könnte ein Zugewinn aus der Zeit der Pandemie sein. Die Gemeinschaft ist Ursprung aller Güter: der materiellen, kulturellen und geistigen. Ohne Gemeinschaft keine soziale, emotionale und religiöse Zugehörigkeit. Nur die Gemeinschaft vermag Wohlergehen, Fürsorge, Beheimatung und Schutz zu gewährleisten. Das ist für mich als Einzelne nicht gratis. Es fordert von mir eine breite Palette von Tugenden wie: Geduld, Sanftmut, Anerkennung, Wohlwollen, Treue, Selbstbegrenzung und Einfühlung. Wo diese haltgebenden menschlichen Einstellungen fehlen, öffnen sich der ängstlichen Sorge Tür und Tor. Unsere Sicht aufs Ganze verengt sich und beschneidet so das ‹gute Leben›. Diese Tauglichkeit für das ‹gute Leben› fällt nicht vom Himmel; sie will gelernt, gelebt, verantwortet und – allem Widerwärtigen zum Trotz – erhofft werden. Wer sorgt dafür? NW Wir leben in einem Wohlstandsland, ohne es vielleicht zu merken. Wir sind sozial abgesichert und wollen dabei immer noch mehr. Wir sind ärmer als die wirklich armen Menschen, weil unsere Ansprüche wachsen. Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, das ist gut so. Wir wissen vieles, und doch essen wir zu viel, bewegen uns zu wenig ! und werden dicker und behäbiger. Wir haben eine gute medizinische Versorgung, verlängern unser Leben und werden mit noch mehr Krankheiten konfrontiert. Der Tod lässt sich heute weit hinausschieben. Aber irgendwann kommt er doch und dann? Glaube bedeutet, seine Sicherheit nicht aus sich selbst holen, sondern aus einem andern, dem wir vertrauen. Aber ein Stück Unsicherheit bleibt immer: das lässt sich nur im Vertrauen überwinden. Und so bleibt auch die Unsicherheit, wie es nach dem Tod weitergehen wird. Ewiges Leben hat Jesus denen verheissen, die an ihn glauben. «Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt», hat er zu Martha, der Schwester des verstorbenen Lazarus, gesagt. Es geht um Leben, nicht um Totenstarre, nicht um Leere oder eine Ewigkeit als unendlich ausgedehnte Zeit. Jesus sagt: «Ich will, dass sie Leben haben und es in Fülle haben.» Ewiges Leben ist mehr als nur Ewigkeit. Leben in Fülle können wir uns am besten vorstellen, wenn wir die kleinen Kinder beobachten. Das sind die reinsten Energiebündel. Sie springen, tanzen, singen, rennen aufeinander zu. Leben ist Gemeinschaft, und genau die wird im Bild vom himmlischen Gastmahl offenbart. Wir werden nicht allein sein, sondern mit vielen Menschen zusammen. Wir wissen es nicht. Es ist uns verheissen und wir dürfen es erhoffen. HW Das Bild vom himmlischen Gastmahl löst in mir Resonanz aus. Es beinhaltet Gemeinschaft, Freude, Lebendigkeit in Fülle – eben das gute Leben für alle. Dort angekommen, haben wir für immer ausgesorgt. Auch ich lebe aus dieser Hoffnung – nicht als Trost, vielmehr als belebender Ansporn. Und das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen zeigt mir die wahre kluge Selbstsorge. Aber – entscheidend ist das Leben vor dem Tod und mit dem Tod. Diese Gewissheit traf mich kürzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Freudig gestimmt sass ich im Konzert vom Bach Ensemble Luzern: Kantaten nach Trinitatis. Chor und Orchester leiteten ein mit dem Recitativ: «Wer weiss, wie nahe mir mein Ende», darauf die Sopranistin: «Das weiss der liebe Gott allein, ob meine Wallfahrt auf Erden kurz oder länger möge sein. Hin geht die Zeit, her kommt der Tod», und in dem Moment ein
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