baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema 16 dumpfer, lauter Schlag. Eine Sängerin aus dem Chor stürzte zu Boden. Die Musik verstummte. Tiefe Betroffenheit füllte den Kirchenraum. Die Ambulanz rückte an, brachte die Frau ins Spital. Her kam ihr Tod. Und so kam der Tod ins Leben aller Anwesenden – unvergesslich. An uns ist es, den unberechenbaren Tod ins Leben einzulassen. Bejahte Endlichkeit macht meine noch zu lebende Zeit kostbar, hilft meine Lebensenergie klug einzusetzen. Das ist leichter gesagt als getan in der in mancher Hinsicht ver–rückten, aus dem Lot geratenen Welt und Zeit von heute. Dabei muss und will ich nicht stehen bleiben. Auch diese unsere Welt und Zeit weist auf vieles hin, das mich staunen und danken lässt. ‹Öffne deine Augen› heisst der Titel Ihres jüngsten Buches, und Sie zeigen glaubwürdig, wie dadurch unser Dasein aufgelichtet wird. Es zeigt sich der bedeutsame Unterschied zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir nicht wissen können. An dieser Grenze wächst das Verlangen zum Überstieg. Es beginnt das Glauben und Hoffen. Das gelingt nur im Hier und Jetzt, bedingt pure Präsenz, wie Ihr Mitbruder, Steindl Rast, sagt. In dieser Einsicht liegt die Angst, etwas zu verpassen, aber viel mehr die Hoffnung, vieles zu gewinnen. NW Wann immer es um Zukunft geht, werden wir mit der Unsicherheit konfrontiert. Manches können wir ja wissen, aber viel Existenzielles bleibt uns noch verborgen. Müssen wir eigentlich alles vorauswissen? Vieles würde uns wohl belasten. Deshalb brauchen wir den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Wir müssen aber unsere Grenzen annehmen, wenn wir unseren Alltag gestalten wollen. Wir blicken oft mit Bangen in die Zukunft. Aber ist dieses Bangen immer negativ? Verbirgt sich nicht darin auch eine Hoffnung? Eine Frau bangt um die Geburt ihres Kindes. Sie trägt es sorgenvoll, aber auch liebevoll unter ihrem Herzen und lebt aus einer gewissen Vorfreude. Die Väter zappeln dann auch und sind nervöser als sonst, aber auch sie hoffen auf eine glückliche Geburt ihres Kindes. Wenn das Kind auf der Welt ist, sind alle Sorgen vergessen, die Freude schwemmt sie weg. Ich habe das in einem sehr kritischen Moment erlebt. Ich hatte ein junges Paar getraut. Ein Jahr später kamen sie zu mir, mit sehr trauriger Miene. Sie war schwanger, in der 21. Woche. Sie kamen gerade von einer fachärztlichen Untersuchung, die erneut bestätigte, das Kind habe Krebs auf der Lunge. Sie hätten sich die Diagnose von einer anderen Uniklinik bestätigen lassen. Dort hiess es: sofort abtreiben, während der Facharzt zögerte. Das Kind würde allerdings vor oder unmittelbar nach der Geburt sterben. Die erste Frage an mich: «Würdest Du unser Kind beerdigen, damit wir einen Ort zu trauern haben?» Ich sicherte es ihnen selbstverständlich zu. Dann aber die nächste Frage: «Was sollen wir machen?» Meine Antwort: «Das kann ich euch nicht sagen. Es ist euer Kind, es ist eure Entscheidung.» Sie blickten sich gegenseitig an, drehten sich zu mir und sagten: «Wir nehmen das Kind, wie Gott es uns schenkt, selbst wenn es behindert sein sollte.» Ich umarmte die beiden und gratulierte ihnen zu ihrem Mut und zu ihrem Glauben. In der Folgezeit bildete sich der Krebs zurück, und ein munteres Mädchen erfreut heute die Eltern. Ein Jahr später folgte ein gesunder Bub, und zum Zeitpunkt meines Schreibens erwarten sie ihr drittes Kind. Wir mögen sorgen, wir mögen bangen, wir brauchen auch den Mut zur Zukunft. Sorgen und Bangen können in Freude umschlagen. HW Hilde Domin sagt es in einem Gedicht so: «Nicht müde werden, / sondern dem Wunder / leise wie einem Vogel / die Hand hinhalten.» Wir sind dem Widerstreit zwischen Hoffen und Bangen nicht nackt ausgeliefert. Wir können ihn gestalten und so daran wachsen und erstarken, sogar zum Glauben finden. Bei all unserm Überlegen fiel mir ein paarmal der Rat von Bruder Klaus ein: «Macht den Zaun nicht zu weit» – soll er den Abgesandten der Tagsatzung 1481 empfohlen haben, als sie ihn in höchster Not um Rat baten. Ich meine, dieser Rat gelte in vielfältiger Hinsicht auch für uns. Vielleicht würde er uns heute sagen: lebt nicht über eure Verhältnisse, arbeitet nicht über eure Kräfte, giert nicht nach immer mehr und schneller, greift der Zeit nicht zu weit voraus, versteigt euch nicht zu wissen, was geglaubt werden will; gebt dem Geheimnis Raum, vertraut dem Guten, vertraut einander. So kann das ‹gute Leben› auf Zukunft hin gelingen. Es ist Freitagnachmittag. Ich komme aus der Stille der Bibliothek in den lärmigen Bahnhof. Alle sind in Eile; ich auch, denn ich möchte den nächsten Zug erreichen, um im Kloster die Vesper mitzufeiern. Vor mir auf der Rolltreppe drei sympathische Burschen. Einer fragt – etwas scheu: «Sie sind eine Klosterfrau?» «Ja, richtig», antworte ich. Darauf der Kollege: «Sie dürfen also nicht heiraten? Ist das nicht furchtbar?» «Für mich nicht; ich habe es so gewählt.» Oben angelangt, will ich mich davon machen. Ich bange um meinen Zug. Da hält mich der dritte im Bunde mit seiner Frage zurück: «Stimmt es, dass ihr Klosterfrauen kein Geld habt?» «Ja, aber wenn ich Geld brauche, habe ich. Ich fahre ja im Zug nicht‹schwarz›.» Alle drei lachen. Wie ich endlich gehen will, hält mich der erste wieder mit einer Frage zurück: «Stimmt es auch, dass ihr immer folgen müsst?» «Das heisst Gehorsam», berichtigt ein anderer, «muss aber mega schwierig sein», fügt er bei. «Ja», erwidere ich, «vor allem mir selber zu gehorchen.» «Woher wisst ihr denn all das über unser Leben im Kloster?» Antwort: «Eine unserer Klasse hat ein Praktikum in einem Frauenkloster gemacht und uns darüber berichtet.» Nun, «À Dieu, guten Abend!» Sie winken. Im Zug sitzend fällt mir das Bibelwort ein: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt». (1 Petr 3,15) Sr. Hildegard Willi ZweiMinutenPredigt

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