11 schreibt er sein Abschiedslied: «Innsbruck, ich muss dich lassen …» Allein, lassen heisst nicht nur etwas verlassen und jemanden in Frieden lassen. Es kann im Gegenteil auch eine Aufforderung sein, etwas aktiv zu unternehmen. So sagt Jesus: «Lasset die Kindlein zu mir kommen.» (Mt 19,14; Mk 10, 14; Lk 18,16) Da ist der verlorene Sohn heimgekehrt. Sein Vater sagt: «Lasset uns essen und fröhlich sein!» (Lk 15,23) Vor allem aber sagen wir Tag für Tag «Lasset uns beten!» Auf diese Weise kommt es von der Verlassenheit des Lassens auch zur Gemeinsamkeit des Tuns. Aber da will ein Freund etwas tun, was meiner Ansicht nach höchst fragwürdig ist. Es ist zwar nicht direkt verboten, aber höchst gefährlich und von zweifelhaftem Nutzen. Ich rate daher ab. Doch ich sehe, mein Freund ist nicht abzubringen. Er hängt mit ganzem Herzen an seinem Vorhaben. Dann sage ich, in einer Mischung von Aufmunterung und Resignation: «Tue, was du nicht lassen kannst!» Tun – aber wozu? Wie bereits gesagt: Leben ist Bewegung. Daher liegt das Tun dem Menschen im Blut. In seinem Tun und Lassen, seinem Treiben und Trachten drückt sich sein Wesen aus. Darum ist es auch nicht dasselbe, wenn zwei dasselbe tun. Die Grundsätze haben wir (lateinisch) von den Römern geerbt. Der erste heisst: «Alles Tun geschieht um eines Zweckes willen.» Tun strengt an. Die Anstrengung muss belohnt werden. Sie wird dadurch belohnt, dass ich durch mein Tun einen Mehrwert schaffe. Das ist das Ziel oder der Zweck; und dieses Ziel motiviert mich zum Tun. Das Wozu bestimmt also das Tun. Darum heisst ein zweiter Grundsatz: «Was immer du tust, handle klug und bedenke das Ende.» Das heisst: Es genügt nicht, sich ein Ziel zu wünschen. Ich muss mir auch überlegen, ob das gewünschte Ziel für mich erreichbar ist. Aber damit ich es auch tatsächlich erreiche, muss ich mich anstrengen und ganz bei der Sache sein. Darum heisst der dritte Grundsatz: «Sei handelnd ganz und nur bei der Sache, und denke an nichts anderes.» Hier gilt es freilich wieder einmal zu unterscheiden. Einerseits kann ich manchmal nur das eine tun und muss das andere lassen. Wenn ich in die Klosterherberge nach Baldegg gehen will, kann ich nicht gleichzeitig in Basel ein Museum besuchen. Auf der anderen Seite kann ich verschiedene Dinge im Auge behalten. In diesem Sinne sagt Jesus: «Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.» (Mt 23,23) Sein Wort erinnert uns an das «Arbeite und bete». Nur der betet richtig, der auch das Entsprechende tut, um anderen zu helfen. Aber was ist die Reihenfolge? Tun und lassen – was wann? Tun und lassen – soweit gut und richtig. Doch wann ist es angezeigt, etwas zu tun; wann etwas zu lassen? Die Antwort verbirgt sich in dem Wort Gelassenheit. Für die griechischen Weisen war die Gelassenheit einfach die Leidenschaftslosigkeit. Der Weise lässt die Dinge der Welt unter sich und gibt sich den Gedankenflügen hin. Doch diese Ansicht greift in dreifacher Hinsicht zu kurz. Gelassenheit ist nämlich weitaus mehr. Gelassenheit – die Bereitschaft für den richtigen Augenblick Nach dem Zweiten Weltkrieg kam aus Amerika das sogenannte Gelassenheitsgebet zu uns und fand als Gebet der anonymen Alkoholiker weite Verbreitung. Das Gebet heisst: «Herr, gib mir die Gelassenheit, hinzunehmen, was ich nicht ändern kann. Herr, gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich zu ändern vermag. Herr, gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» Unser Tun und Lassen endet also bei der Weisheit des Unterscheidens; und diese Weisheit hat eine Voraussetzung, nämlich die Gelassenheit. Diese Gelassenheit ist, richtig verstanden, keineswegs nur apathische unerschütterliche Ruhe. Gewiss ist sie die Fähigkeit und Bereitschaft, loszulassen, was kommt und geht. Allein diese Bereitschaft hat auch einen tieferen Sinn. Indem sie loslässt, hat sie leere und freie Hände. Sie kann ergreifen, was kommt. Was kommt, ist sehr unterschiedlich. Es kommt Wesentliches; aber es ist nicht dringlich. Es gibt Unwesentliches; aber es ist ausserordentlich dringlich. Es kommt also darauf an, herauszufinden, was im gegenwärtigen Augenblick drängt und was als Erstes zu tun ist. In diesem Sinne ist die Gelassenheit auch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf den gegenwärtigen Augenblick einzulassen und ihm gerecht zu werden. Gelassenheit – der Blick für das grosse Ganze ! Vincent de Gournay (1680) hat uns ein vielgebrauchtes Wort zur Verdeutlichung der Gelassenheit hinterlassen: «Laissez faire, laissez passer, le monde va de lui-même.» Das heisst: «Lass es sein und überlass es sich selbst; die Welt dreht und verwaltet sich selbst.» In diesem Sinne will uns die Gelassenheit davor bewahren, Kleinigkeitskrämer zu werden. (Den schweizerdeutschen Ausdruck können Sie sich selber denken.) Es gilt das grosse Ganze im Blick zu behalten und auch das Kleine vom grossen Ganzen her zu bewerten. Gewiss hockt der Teufel im Detail. Aber er kommt nur vom Ganzen her in den Blick. Gelassenheit – Vertrauen auf Gottes Walten Da war der junge Student Georg Neumark (1621–1681). In seinem Todesjahr berichtet er seinen Kindern, was er als junger Mann erlebt und erlitten hatte. Auf dem Weg zur weitentfernten Universität wurde er überfallen und bestohlen. Unter vielen Mühsalen kam er endlich nach Kiel. Wider Erwarten fand er eine Stelle als Lehrer. Er schreibt: «Welches schnelle und gleichsam vom Himmel gefallene Glück mich herzlich erfreuete.» Sogleich dichtete er dankbar eines der heute bekanntesten Kirchenlieder: «Wer nur den lieben Gott lässt walten.» In diesem Lied klingt noch einmal unser Tun und Lassen an. Wir sollen etwas tun und etwas bauen, aber nicht auf Sand, sondern auf Gott. In diesem Sinne ist das Gottvertrauen die Grundlage der Gelassenheit. Ignatius von Loyola deutet diese Grundlage auf seine eigene Weise. Man schreibt ihm das Wort zu: «Vertraue so auf Gott, als hinge der Erfolg ganz von Dir, nicht von Gott ab; verwende jedoch auf dein Werk so sehr alle Mühe, als wenn du nichts könntest, Gott aber alles tun würde.» Mit diesem schwerverständlichen Wort will Ignatius sagen, man müsse alles Eigene einsetzen, aber innerlich so frei bleiben, dass man doch alles in Gottes Hände gibt. Lassen wir darum unserem Tun und Lassen seinen eigenen Wert; aber überlassen wir uns selbst samt unserem Tun und Lassen der Güte Gottes. Er macht es und alles gut. Gott sei Dank.
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