6 Prof. Dr. Renold Blank, Zofingen Was es beim Denken an den Tod an Weihnachten zu danken gibt Der Tod – an ihn zu denken erfüllt die Menschen von alters her mit Schrecken. Viele Menschen der älteren Generation erinnern sich zudem noch allzu gut an jene Grundstimmung der Angst, die auch Ausdruck fand in der musikalischen Begleitung der Begräbnisliturgie. Die Sequenz «Dies irae, dies illa» wurde noch vor nicht allzu langer Zeit bei allen Totenmessen gesungen: «Tag des Zornes, Tag der Klagen» hiess es da, und dass nichts und niemand vor der Strafe flüchten könne. Dazu Höllenpredigten anlässlich von Volksmissionen, welche das Ganze mit realistischen Bildern illustrierten. Das Denken daran verdrängte man lieber und zum Danken fehlte in der Folge vermutlich jede Motivation. Und da man meistens nicht alle 17 Strophen des Hymnus sang, und zudem die meisten Hörer von dessen Latein bestenfalls die ersten Zeilen verstanden, wurde das Gedicht in der Tat über Jahrhunderte zu einer erschreckenden Drohbotschaft über ein Geschehen, das man möglichst aus dem Gedächtnis zu verdrängen versuchte. Kein Denken, und weit weniger ein Danken! Man müsste die Sequenz weiterlesen, um durch sie wieder mit dem Denken zu beginnen. Zögernd vielleicht zuerst, aber doch motiviert durch die Hoffnungsaussage, dass da einer sei, der richtet, und dieser eine sei Jesus, der Christus. Von ihm aber heisst es, dass er der Sünderin verziehen habe und dem Schächer Gnad verliehen (Strophe 13). Da beginnt man plötzlich weiterzudenken. Und man erinnert sich vielleicht an das, was Eugen Biser, Dekan der europäischen Akademie der Wissenschaften, in einem lesenswerten Artikel im Jahr 2000 formulierte: «Die Gottentdeckung Jesu hatte ihre Mitte gerade darin, dass mit ihr der Schatten des Angst- und Schreckenerregenden aus dem traditionellen Gottesbild beseitigt und auf seinem Grund das Antlitz des bedingungslos liebenden Vaters sichtbar gemacht wurde.»1 Nach dem Lesen solcher Aussagen ist wohl das Denken nicht mehr aufzuhalten. Und dieses Denken führt in der Weihnachtszeit beinahe zwangsläufig zu dem, was wir in dieser Zeit feiern: die Geburt dessen, der uns die Botschaft vom bedingungslos liebenden Vater brachte. Jesus Christus, der wahrer Mensch ist und wahrer Gott. Je mehr man dies bedenkt, desto mehr beginnt man zu staunen darüber, dass dieser Gott Mensch wurde. Ein Gott, der über Jahrhunderte primär verehrt wurde im Bild des allmächtigen Schöpfers und Königs über die Welt. Dieser allmächtige Gott aber wurde Mensch. Und er wurde Mensch, nicht so, wie er immer dargestellt wurde, nicht als Weltenherrscher, König und allmächtiger Herr des Himmels und der Erde. Wir feiern Jahr für Jahr die Tatsache, dass er Mensch wurde, und wir feiern es mit vollem Recht. Je mehr ich aber über diese Feiern nachdenke, desto mehr wird mein Denken zur Frage: Warum wurde Gott eigentlich so Mensch, wie er es wurde? Nicht als gewaltiger Herrscher, Herr des Himmels und der Erde; auch nicht als allmächtiger Richter über die sündige Welt. Warum eigentlich wurde er Mensch als Sohn eines unbedeutenden Paares aus den Randbezirken des römischen Reiches? «Über all den im Verlauf von Jahrhunderten entstandenen folkloristischen Zutaten zur Beschreibung der Geburt des Gottessohnes; und über den Feiern darüber, dass Gott Mensch wurde, haben die meisten Menschen in der Tat vergessen, darüber nachzudenken, warum er so Mensch wurde wie er es wurde. […] Als ein hilfloses Kind, angewiesen auf unsere Fürsorge. – Warum eigentlich so, und nicht am Hof des römi-
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