11 Nacht sind die Töne wie ein Licht, das mich anblickt und mir den Weg zeigt. Eduard Mörike denkt an die müde Mitternacht, die das Schlummerlied der Quellen nicht berührt. Aber sie schläft nicht einfach. «Ihr klingt des Himmels Bläue süsser noch ...» Der im Dunkel der Nacht nicht sichtbare blaue Himmel wird durch den hörbaren Klang sichtbar. Sogar im Morgenlob der Kirche heisst es, der Hahnschrei in der Morgenfrühe sei «dem Wanderer zur Nacht ein Licht.» Denken ist die Aufgabe des überlegenden Verstandes: Köpfchen ! Tiere werden von ihrem Instinkt geleitet. Der Mensch muss sich mit dem Verstand behelfen. Verstand ist die Fähigkeit zu denken. Denken heisst erstens: Ich verarbeite die Sinneseindrücke von aussen zum Wissen in meinem Innern. Zweitens gehört zum Denken das Äussern meines inneren Wissens im Aussprechen der Worte. Drittens gehört zum Denken das Erinnern aus dem Gedächtnis. Doch was heisst das genauer? Denkend kommen wir zum Wissen. Die Sinneserkenntnis ist erst der Anfang des Denkens. Wir überlegen. Die Sinneseindrücke werden weiter bearbeitet. Wir besinnen uns und überlegen. Die Bilder und Töne werden zu Gedanken. Die Gedanken werden hin und her bewegt. Wir erwägen, was die Bilder und Töne uns zu sagen haben. Darum überlegen wir. Das heisst, wir legen die Gedanken so lange hin und her, bis sie richtig liegen. In diesem Sinne formen wir Begriffe, fällen wir Urteile und ziehen wir Schlussfolgerungen. Denkend äussern wir das innere Wissen im Aussprechen der Worte. Wir haben unsere inneren Gedanken nur dann richtig verstanden und begriffen, wenn wir sie auch äussern können. Erst im Wort sind der Gedanke und der Begriff fassbar. Allerdings schöpft der abstrakte Begriff die Fülle des konkreten Gedankens nicht aus. Noch weniger enthält das einzelne Wort die Gedankenfülle. Es ist Teil einer Sprache, durch die wir eine Sprachgemeinschaft bilden. Wir lernen sie als Muttersprache, in der wir uns zeitlebens daheim fühlen. Mit dem Erlernen von Fremdsprachen nehmen wir an der Weltkultur teil. Derart führt das Denken vom überlegten Wort zum äusseren Sprechen. Dieses worthafte Sprechen hat eine dreifache Bedeutung. Erstens bringe ich mein Inneres zum Ausdruck. Und damit offenbare ich zweitens mich selber. Drittens nehme ich – sprechend – die Verbindung mit den Mitmenschen auf. Wir sind nicht einsame Denker, sondern eine Sprachgemeinschaft. Ein Wort gibt das andere. Im Wort werden wir für die anderen fassbar, freilich ohne dass wir sie je durchschauen könnten. Denkend können wir uns erinnern. Wir haben ein Gedächtnis. Was wir sinnenhaft erleben, hinterlässt Spuren in unserem Verstand. In der Erinnerung holen wir die Vergangenheit in die Gegenwart zurück und erleben sie, als geschehe es hier und jetzt. Das Gedächtnis ist – gottlob und leider Gottes – auch vergesslich. Wer allerdings nichts vergessen kann, trägt eine Last mit sich, die immer schwerer wird. Wer aber zu viel vergisst, findet sich nicht mehr zurecht. Es geschieht im Alter, dass man Namen vergisst, obwohl man die Person genau kennt. Man grübelt vergeblich. Doch plötzlich, wenn man schon längst mit seinen Gedanken woanders ist, fällt einem ganz unverhofft der Name wieder ein. Die Gesamtheit unseres Denkens kommt trefflich zum Ausdruck in dem Wort besinnen. Wenn ich mich besinne, greife ich zwar auf die Sinneserkenntnis zurück, bin aber auch auf geistige Weise mit mir selber im Spiel. Mit zunehmendem Alter sollte die Besonnenheit wachsen; und mehr und mehr sollten wir gesonnen sein, anderen gegenüber wohlgesinnt zu bleiben. Das Denken vollendet sich im lobenden Dank des freudigen Herzens: Vergelt’s Gott ! Denken heisst nicht nur, Gedanken hin und her bewegen und damit überlegen, sie erwägen und sich besinnen. Denken heisst auch Nachdenken. Denkend, denkt man einer Sache nach und kommt mit dem Nachdenken nie an ein Ende. Bei diesem Nachdenken kommt man fast unweigerlich auch und vor allem zum Danken. Danken heisst: Ich denke über das nach, was ich selber als Geschenk erfahre, was mich daher mit Freude erfüllt und zwar so, dass ich meine Freude auch auszudrücken und auszusprechen versuche. Voraussetzung des Dankes ist also das Geschenk. Ein Geschenk ist das, was mir zufällt, obwohl ich darauf keinen Anspruch habe, was aber meinen Wünschen entspricht und darum die Wunscherfüllung mich mit Freude erfüllt. Wer daher über das Danken nachdenken will, muss an das Geschenk als Wunscherfüller denken. Was wünsche ich mir; was erfüllt mich mit Freude? Die Grundfrage dabei ist: Wer bin ich mir selber? Ich erfahre unwiderlegbar meine eigene gegenwärtige Existenz. Aber zugleich weiss ich, dass meine Existenz nicht notwendig ist. Es gab eine Zeit, da war ich noch nicht. Meine Existenz hat viele Gesichter. Nicht alle sind heiter. Doch alles in allem geht es mir gut. Darum bin ich mir selber geschenkt. Ich kann sagen: «Gott sei Dank, dass ich bin.» Dies alles aber gilt nicht nur für meine Existenz, sondern für mein ganzes Leben. Ich habe nicht nur viele Geschenke bekommen. Im Grunde bin ich auch für mich selber und für andere ein Geschenk. Matthias Claudius findet dafür das richtige Wort, wenn er sagt, dass wir täglich singen sollen: «Ich freue mich und danke dir wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin und dass ich dich, schön menschlich Antlitz habe.» Für Matthias Claudius ist also der Mensch im Grunde genommen das Wesen, das tagtäglich Grund hat, sich zu freuen und dafür Gott zu danken. Der Dank ist die Antwort auf die Freude, die ein Geschenk mir bereitet. Das Danken ist derart bei uns Menschen zwar tief verwurzelt; aber es ist nicht einfach angeboren. Wir müssen das Danken auch lernen. Zwar bringen mich manche Mütter oft in Verlegenheit. Ich habe ein Kind beschenkt. Es freut sich. Vor lauter Freude vergisst es zu danken. Was sagt nun eine auf Erziehung bedachte gute Mutter? «Was musst du jetzt sagen? Und gib das schöne Händchen.» Das Kind muss tun, was die Erwachsenen verlangen. Eigentlich müssen wir nicht danken. Wir dürfen danken. Aber wir sollen die Freude, die wir über das Geschenk empfinden, auch anderen schenken. Doch manche Menschen haben nie richtig gelernt zu loben und zu danken. «Nicht geschimpft, ist schon gelobt genug.» So heisst es im Schwabenland. «Man kann es essen.» So drückt sich ein Schweizermann aus, wenn er seiner Frau für das gute Mittagessen danken will. Allerdings sollte man den Dank auch herzlich gern annehmen. Auch darin haben wir Nachholbedarf. Jemand dankt. Wir antworten «Nichts zu danken» oder «Nicht der Rede wert». Die Antwort sollte besser lauten: «Gern geschehen.» Ein besonderes deutliches Dankeswort heisst: «Vergelts Gott!» Ich möchte danken, aber ich kann nicht genügend danken. Darum sollte Gott den Dank übernehmen. Die Antwort darauf heisst: «Segne es Gott.» Was ich dir habe geben und schenken dürfen, möge dir und anderen zum Segen gereichen. Auf diese Weise begegnet uns beim nachdenklichen Denken das Danken ein Leben lang. Am Ende entlässt man uns aus dem Dienst unter Verdankung geleisteter Dienste. Am besten wir danken rechtzeitig selber ab, ehe man unser bei der Abdankung auf dem Friedhof vielleicht ein letztes Mal ausdrücklich gedenkt. Doch warum so lange warten? Ich sage schon lieber jetzt: «Gott sei Dank!» Der Artikel ist fertig. Dankbar sage ich: «Vergelt’s Gott!»
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