baldeggerjournal

12 Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franz Denkst du das wirklich: solche Misshandlungen und Grausamkeiten sind vollkommene Freude und Grund, Gott zu danken? Ist es nicht unsere christliche Pflicht, gegen Ungerechtigkeiten, Gewalt und Misshandlungen vorzugehen? Der Übeltäter glaubt sich im Recht, wenn wir uns gegen sein Tun nicht wehren. Er wird weder sein Denken noch sein Tun ändern und weiteres Leid schaffen. Wie kannst du das verantworten? Deine Antwort ist ein Dank an Gott. Aber eine solche Antwort ist menschlich schwer nachvollziehbar. Allerdings scheint dein Dank ehrlich gemeint zu sein, denn es sieht aus, als ob Misshandlungen dir nichts ausmachen. Du bist trotz aller schwerer Erfahrungen ein fröhlicher Mensch. Nicht umsonst hast du den Übernamen «Bruder Immerfroh» erhalten. Was also denkst du, wenn du Gott dankst? Dein Denken ist so anders als das, was Menschen oft denken. Normalerweise versuchen wir mit Denken zu differenzieren. Wir suchen und wägen ab. Unser Denken ist Kopfsache. Du aber nimmst vorbehaltlos an, was auf dich zukommt, nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Als ob dir alles Geschenk sei. Mir scheint, dein Dank an Gott zeigt, dass du ein von Gott Beschenkter bist, auch durch Misshandlung und Grausamkeiten. Denn danke sagen wir normalerweise, wenn wir etwas bekommen. Misshandlungen sind dir «vollkommene» Freude, sagst du; vollkommen: ohne jeden Fehler und keiner Verbesserung oder Ergänzung bedürfend? Das ist unglaublich! Doch ich kenne dich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass deine Freude echt ist. Du bist kein Schauspieler, sondern ein Mensch, der sich in Sehnsucht nach Gott verzehrt. Und je länger ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir, mit welcher Radikalität du dein Ziel verfolgst, das Evangelium Jesu Christi zu leben. Du willst Christus verkünden und sehnst dich danach, ihm immer ähnlicher zu werden. Diese Sehnsucht zu leiden wie er litt, verachtet und misshandelt zu werden wie Christus, schenkt dir mehr Freude als alles andere, ist dir Geschenk, das nicht vollkommener sein könnte. Dafür bist du dankbar. Dankbarkeit – eine Gabe des Herzens – ändert das Bewusstsein und bewirkt, dass das Geschenk nicht als selbstverständlich hingenommen wird. Du erkennst alles, was dir geschieht als Geschenk Gottes, das deine Sehnsucht nährt und dich deinem Ziel näherbringt. Ist es das, was du denkst, wenn du Gott dankst? Eines weiss ich sicher: du bist nicht dankbar, weil du immer froh bist, sondern du bist froh, weil du dankbar bist. Pace e bene! Deine Sr. Serafina Wenn wir durchnässt vom Regen, erstarrt vor Kälte, erschöpft vor Hunger an die Tür unserer Mitbrüder anklopfen, und der Pförtner zornig spricht: «Ihr seid nicht unsere Brüder, eher Landstreicher, Betrüger, die den Armen das Almosen wegstehlen. Packt euch fort.» Und wenn er uns stehen lässt, wir aber diese Misshandlung und Grausamkeit geduldig ertragen, ohne uns zu beklagen und noch Gott dafür danken – darin besteht die vollkommene Freude! (aus den Fioretti des hl. Franziskus)

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