baldeggerjournal

13 Psalmen «Wie seit mer?» Sr. Renata Geiger, Baldegg Danken kommt von Denken «Wie seit mer?» Diese Frage habe ich als Kind hie und da von meiner Mutter zu hören bekommen. Damit wollte sie mich daran erinnern, dass nun ein Dank angesagt war, sei es für das Wursträdli beim Metzger oder für das Müsterli in der Drogerie. Kindererziehung von damals – oder ist danken auch heute noch in? Wenn ja – warum? Menschen danken sich gegenseitig in unzähligen Situationen und auf unterschiedliche Art. Ich glaube, dass das Bedürfnis, dem Gefühl der Dankbarkeit Ausdruck zu geben, ein menschliches Grundbedürfnis ist. Umso mehr erstaunt es, dass es in der Sprache des Ersten Testaments und damit auch der Psalmen, die doch das ganze Spektrum menschlicher Gefühle umfassen, keinen klaren Begriff gibt, der sich mit danken wiedergeben lässt. Aber auch in vielen anderen Sprachen gibt es kein eigenständiges Wort für danken, sondern es ist abgeleitet von denken. Wer denkt, der dankt. Darum kann Danken auch zur Pflicht werden. Kinder müssen, wie ich anfangs erwähnt habe, oft zum Danke-Sagen ermahnt werden. Sie müssen lernen, ihre Dankbarkeit auszudrücken. Loben statt danken Was aber macht der biblische Mensch, wenn er seinem Gefühl der Dankbarkeit Ausdruck geben will? Ein Beispiel kann es uns aufzeigen: Der blinde und verarmte Tobit erhält von seinem Sohn Tobias nach seiner Rückkehr von einer Reise eine Salbe, die ihn heilt. Wie reagiert Tobit auf diese Erfahrung? Er sagt: «Gepriesen sei Gott, der in Ewigkeit lebt!» Wo wir danken würden, lobt der biblische Beter. Wer dankt bedenkt, dass er beschenkt ist; wer lobt, schaut auf den Gebenden, auf die Gabe. So ist es auch in den Psalmen. Lobend danken – Antwort des Menschen auf Gottes Handeln Der Ausdruck des Dankes gegenüber Gott nimmt im Ersten Testament weitaus grösseren Raum ein als der Dank zwischen Menschen. Er ist immer eine Reaktion auf das Handeln Gottes an den Menschen, die vor allem in den Psalmen zu finden ist. Lobe den HERRN, meine Seele, * und alles in mir seinen heiligen Namen! Lobe den HERRN, meine Seele, * und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Psalm 103,1-2 Auch im Psalm 103 wird der Dank an Gott durch Loben ausgedrückt. Lob ist die zu Wort kommende Freude über die erfahrene Zuwendung Gottes und hilft zugleich mit, nicht zu vergessen, was er getan hat. Das Danken, wo es im Blick auf Gott geschieht, ist also vom Lob umfangen, es ist eine Weise des Lobens. Lob ist somit mehr als Dank, vielleicht könnte man sogar sagen, Lob ist selbstloser als Dank. C. Westermann zeigt das in seinem Buch «Lob und Klage in den Psalmen» auf: «Im Loben wird der Gelobte erhöht, im Danken bleibt der Bedankte an seiner Stelle. Im Loben bin ich ganz auf den gerichtet, den ich lobe; das bedeutet in diesem Augenblick ein Wegsehen von mir. Im Danken bedanke ich mich. Zum Wesen des Lobes gehört die Freiheit, die Spontaneität, das Danken kann zur Verpflichtung werden. Das Danken kann den Charakter des Gebotenen bekommen, zum Loben gehört, dass es in Freude geschieht.» Diese Freude aber verweist auf den Geber aller Gaben; sich zu freuen heisst somit, sich als beschenkt zu erfahren und diese Erfahrung kommt in den Psalmen als Lob zur Sprache. So können uns die Psalmen helfen, die Sprache des Lobens als die elementare Sprache der Freude und des Dankes wiederzufinden.

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