baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (HW), Psychologin, im Gespräch mit Peter Lohri, (PL), lic. phil. Bis zu seiner Pensionierung unterrichtete Peter Lohri Deutsch und Französisch an der Kantonsschule. Er hält Vorträge zu literarischen Themen und veröffentlicht als freier Publizist Beiträge zu gesellschaftlichen Fragen. 14 HW Denken Sie gerne? Haben Sie sogar Lust am Denken? Oder finden Sie es schlechthin zu anstrengend, zu riskant und überlassen es daher gerne andern? Eines ist offensichtlich: Wir denken den lieben langen Tag, sogar noch nachts. Wir vergleichen, unterscheiden, überlegen und wägen ab. Wir organisieren, planen und produzieren. Wir verändern die Welt, greifen in die Schöpfung ein, erhalten dafür noch den Nobelpreis. Wir denken in die Zukunft und stochern denkend in Vergangenem. Dabei ist Denken immer weit mehr als reine Kopfarbeit. Die heutigen Hirnforscher und Neuropsychologen wissen davon zu berichten. Ja, Denken ist des Menschen vornehmste Fähigkeit; wer von uns ist nicht stolz darauf. Was unterscheidet uns denn vom Tier, wenn nicht die Reichweite des Denkens? Und wie könnten wir uns in dieser Welt behaupten, ohne diese menschliche Fähigkeit? Aber Denken ist nicht nur Gabe, sondern wesentlich Aufgabe – und zwar lebenslänglich, auch als gläubiger Mensch. Und Denken will verantwortet werden. Selber denken fordert Mut und Demut. Es kann gefährlich werden, uns einsam, sogar traurig machen. Im Selberdenken machen wir uns angreifbar, verletzlich. Aber Nichtdenken ist erst recht gefährlich, kann sogar zur Sünde im eigentlichen Sinne werden, indem es uns vom Guten und Wahren trennt. In einer Welt, die auf beinahe allen Gebieten vorgibt zu wissen, was für uns gut und richtig ist, lauert diese Gefahr. Gefordert ist unsere denkende Vernunft. Ein Zeitkritiker unserer Tage klagte in seiner Kolumne kürzlich: «Die Leidenschaft der menschlichen Vernunft hat schon bessere Zeiten gesehen. Heute dominieren Meinungen, Provokationen und Polarisierungen.» PL Dein Tour d’horizon zeigt es eindrücklich: Der Begriff «Denken» kennt zweifellos verschiedenste Ausprägungen, und eigentlich müsste man, wenn man vom Denken spricht, immer gleich definieren, was für eine Art geistiger Tätigkeit man genau meint! Anderseits dürften wir Menschen gerade angesichts dieser Vielfalt doch immer höchst beeindruckt sein von diesem gewaltigen Instrumentarium, über das wir verfügen – und entsprechend stolz auf unsere Spezies! Aber gerade die von dir erwähnten Tätigkeiten wie Planen, Organisieren, Strukturieren etc. haben in der Menschheitsgeschichte natürlich schon unendlich viel Leidvolles, Grässliches bewirkt; schliesslich waren (und sind!) Kriegszüge, Genozide, Folter-Kampagnen etc. auch Produkte von «Denkleistungen». Ist es daher nicht verständlich, dass es schon immer auch viel Skepsis gegeben hat dem Denken gegenüber? Bringt es nicht schon Goethe auf den Punkt, wenn er Mephisto (im Prolog zu Faust I) über den Menschen und dessen «Schein des Himmelslichts» sarkastisch sagen lässt: «Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, um tierischer als jedes Tier zu sein.» Und dabei wusste der Dichterfürst in Weimar noch nicht, dass es einmal so etwas wie Auschwitz und den stalinistischen Gulag geben würde! Nun – es wurde ja schon einiges geschrieben zum Unterschied zwischen «Verstand» und «Vernunft». Vielleicht sollte man ja erst von «vernünftigem Verhalten» sprechen, wenn dieses auch auf ethischen Grundsätzen beruht. Und vielleicht sollte es uns auch nicht zu sehr erstaunen, dass es in der Genuss- und Spassgesellschaft wie der unseren mit dem vernünftigen Denken und der Demut, die du erwähnst, nicht zum Besten stehen kann, wenn Ethik und Moral als übergeordnete Instanz eine so geringe Bedeutung haben? Was meinst du? HW Gerade heute flog mir ein wissenschaftliches Gespräch mit dem meistzitierten deutschen Fachmann für künstliche Intelligenz, Bernhard Schölkopf, zu. Titel: «Denken wie wir». Gemeint sind die Computer. Wie sich diese «Denkleistungen» auf Welt und Menschen auswirken, wissen wir heute noch nicht. Eines aber wissen wir: Auch dieses Denken ist unberechenbar und will verantwortet werden. Verstand allein genügt da nicht. Der Verstand trennt, die Vernunft erst verbindet. Sie bindet Wissen und Gewissen, Zweifel und Skepsis mit ein und ist einer schöpfungsfreundlichen Ethik verpflichtet. Im Suchen nach vernünftigen Antworten stossen wir Menschen aber früher oder später unweigerlich an Grenzen. Da heisst uns die Vernunft glauben, Denken und Danken – typisch Mensch?

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