15 uns dem grösseren Ganzen – dem Unverfügbaren – zu öffnen. Ich erfahre es oft: Was ich nicht begreife, kann mich ergreifen. Das erst weckt die eigentliche Lust am Denken. Und so werden wir Menschen durch unser vernünftiges Denken Schritt für Schritt zum Urgrund alles Seienden, zu Gott, geführt. Glaubend denken und denkend glauben, das erst zeichnet wahres Menschsein aus. So verstehe ich Martin Heidegger, wenn er Denken als Danken deutet. Wo das Denken sich diesem Überstieg verwehrt, aber auch wo der Glaube sich nicht zum vernünftigen Denken hin beugt, kommt es zu leidvollen Verzerrungen und Irrungen, zu unmenschlichen Greueltaten: Inbegriff des Undankes. PL Beim Lesen deiner Replik habe ich bei mir gelegentlich ein Stirne-Runzeln bemerkt; das ging mir jetzt doch manchmal etwas zu schnell. «Glaubend denken und denkend glauben, das erst zeichnet wahres Menschsein aus», schreibst du zum Beispiel. Mit Verlaub: Das scheint mir eine etwas kühne These zu sein! Würde sie zutreffen, hiesse ja das, dass jemand nicht am «wahren Menschsein» teilhaben kann, wenn er nicht «denkend glaubt»! Da würden doch viele durchaus ernsthafte Menschen, die auch mit einem «denkenden Glauben» Mühe haben, wohl energisch protestieren … Ganz Deiner Meinung bin ich aber, wenn du betonst, dass uns die «Suche nach vernünftigen Antworten» oftmals an Grenzen führt; es scheint tatsächlich eine Art «Ärgernis unserer Existenz» zu sein, dass wir damit leben müssen, auf ganz wesentliche Fragen zuweilen keine einleuchtenden Antworten zu finden. Wobei ich gerade – auch wenn es pingelig tönt – wieder etwas präzisieren möchte: Vielleicht spüren wir Grenzen eher beim Nachdenken als beim Denken. Wenn sich zum Beispiel an verschiedensten Forschungsstätten die Grenzen des (pragmatischen, zielgerichteten) Denkens zeigen, wird das ja oft als «interessante Herausforderung» betrachtet und reizt offenbar dazu, noch mehr in die entsprechenden Anstrengungen zu investieren. Wenn wir hingegen mit dem Nachdenken nicht weiterkommen, also mit den tiefsten, bohrendsten Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem «Wozu überhaupt?», dann lässt sich offensichtlich mit diesem Defizit weniger leicht leben. Damit wären wir nun doch wieder beim «denkenden Glauben»! Aber offensichtlich bleibt eine religiöse Lehre wirklich erst dann lebendig und letztlich auch «glaub-haft», wenn sie nicht vorgibt, auf alles und jedes eine plausible Antwort bieten zu können, sondern eine Souveränität unter Beweis stellt, die immer auch dem denkenden Zweifel ein Türchen offen hält, durch das ein bekömmlicher Strom frischer Luft hereinströmen kann, der eine sektenhafte Erstarrung verhindert. Siehst du das auch so? HW Dein Stirne-Runzeln verrät skeptisches Nachdenken. Da bist du in guter Gesellschaft. Selbst von Maria, der Mutter Jesu, haben wir in der heutigen Magnifikat-Antiphon gesungen: «Sie bewahrte alles in ihrem Herzen und sann darüber nach.» Oder bei der Verkündigung des Engels Gabriel heisst es: «Sie erschrak und überlegte, was das zu bedeuten habe.» Glaubend denken und denkend glauben gehören zum Menschsein. Wohl darum hat der Wanderprediger Jesus seine Jünger öfter aufgefordert: «Denkt darüber nach.» Er wusste offenbar um die Wirkmacht der Gedanken. Und er warnt noch uns: «Aus dem Herzen kommen die bösen Gedanken.» Wahres Menschsein heisst für mich: Ich habe mir das Leben nicht selber gegeben; ich verdanke es andern und zwar immer neu. In dieser inneren Haltung wird für mich Denken zum Danken. Unsere Abhängigkeit von anderen Menschen ist offensichtlich. Das gilt auch für den sogenannt Ungläubigen.
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