baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema 16 In «weltlichen» Dingen sind wir heute unsäglich gläubig. Darin liegt doch der Erfolg aller Werbung, auch der boomenden Ratgeber-Literatur, der diesseitigen Heilsversprechen bis zu den Verschwörungstheorien. In Buchläden springt mich diese «Gläubigkeit» oft direkt an. Unsere Abhängigkeit vom Schöpfergott dagegen ist vordergründig weniger plausibel. Die gewaltigen Errungenschaften unserer Zeit scheinen uns daraus befreit zu haben. Corona hat diesen Schein getrübt. Und unsere Kirchen haben diese Abhängigkeit auf ungute Weise «verkirchlicht» und damit verdüstert. Aber nur freie Abhängigkeit schenkt Nähe und Zugehörigkeit. Ich hatte Glück. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, habe ich das Gespür für bejahte Abhängigkeit mit der Muttermilch eingesogen. Das wurde für mich zum fruchtbaren Boden für Dankbarkeit. Als Kind erlebte ich sie am schönsten ausgedrückt im Feiern. Wenn alles Heu unter Dach, das Getreide in der Scheune, wenn die Kartoffeln und Rüben eingekellert waren, gab es jedesmal ein Fest. Wer nur schafft und rafft, verliert den Sinn fürs Feiern. Feiern in Gemeinschaft – es mag noch so schlicht sein – ist natürlicher Ausdruck dankbarer Gesinnung. Feiern ist Herzenssache. Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens. Sie stärkt das Gemüt, wehrt den Klagen, macht zufrieden. Allem ehrlichen Danken geht immer ein Denken, ein Erkennen und Anerkennen voraus. Darin wurzelt gesunde Religiosität. Ob das bei dir wieder Stirnrunzeln auslöst? PL Deine Überlegungen zu «bejahter Abhängigkeit» und Dankbarkeit lösen bei mir gar kein Stirnrunzeln aus. Im Gegenteil: Gerade in der heutigen Zeit scheint es mir angezeigt, dass die Wichtigkeit solcher Haltungen wieder in den Vordergrund gerückt wird. Seit den späten 60er Jahren wird ja – auch an unsern Bildungsstätten – unablässig die «Mündigkeit» gepredigt, «das Recht auf autonome Lebensgestaltung» usw.; es ging (und geht immer noch) darum, mögliche Abhängigkeiten zu meiden und letztlich nur auf sich selbst und seine eigene Weltsicht zu vertrauen. Natürlich entsprach dieser deutliche Akzent nach den Zwängen der Kriegs- und Nachkriegsjahre einer dringenden Notwendigkeit; anderseits bräuchten wir heute ebenso dringend eine kritische Bilanz in Bezug auf das, was wir im Laufe eines halben Jahrhunderts tatsächlich an «Mündigkeit» erreicht haben, wie sie etwa Kant vorschwebte. Wie auch immer: Im Gegensatz zu «Autonomie» stand so etwas wie «Demut» in den letzten Jahrzehnten zweifelllos nicht weit oben auf der Hit-Liste der Haltungen und Einstellungen, aber gerade Demut ist natürlich die Voraussetzung für Dankbarkeit. Zum Beispiel eben in Form der Einsicht, dass wir zwar sicher vieles zur Entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten selber beitragen können, dass es aber auch gute Gründe dafür gibt, die Denkfähigkeit an sich als ein wahres Geschenk Gottes zu betrachten. Für einen gläubigen Menschen stellt also eine ausdrückliche Wertschätzung (zum Beispiel) unserer Denkfähigkeit sicher eine angemessene Haltung dar. Wir Menschen erwarten ja jeweils auch, dass einerseits unsere Geschenke auf eine gewisse Wertschätzung treffen und dass anderseits mit einem Geschenk zumindest sorgfältig umgegangen wird und jedenfalls nicht auf destruktive Art. So gesehen ist es nur logisch, wenn wir es auch bezüglich des Denkens wichtig finden, mit dieser Gabe sorgfältig umzugehen, um auch auf diese Weise unserm Schöpfer gegenüber die gebührende Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Womit sich ein Kreis schliesst: Wir sind wieder bei den Normen von Ethik und Moral, die letztlich über unserem Denken stehen sollten, eben im Sinne eines sorgfältigen, verantwortungsvollen Umgangs mit einer Gabe. Offenbar handelt es sich bei dieser Forderung (auch) um eine typisch christliche, nicht wahr? HW Mit deiner Schlussfrage könnten wir unser Gespräch neu beginnen. Die Forderung, Hirn und Herz in Harmonie zu bringen, Denken und Handeln ethisch-moralisch stimmig zu machen, kennen alle monotheistischen Religionen. Sie ist in sich typisch religiös. Und der Mensch ist nun einmal von seinem Ursprung her «unheilbar religiös». Es heisst doch im Schöpfungsbericht: «Gott sprach: Lasst uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis.» Wohl wissend um seine Gefährdung, dachte er immer gross vom Menschen und spricht uns mit dem Propheten Ezechiel zu: «Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.» Dann kam Jesus. Er lebte mit seiner ganzen Person leibhaft, was Menschsein heisst, bis hinein in seinen Liebestod. Das ist und bleibt typisch christlich. «Und, was hat Gott gesagt?» Josef und ich schauen einander verblüfft an. Zusammen mit Ordensleuten aus verschiedenen Gemeinschaften und franziskanisch engagierten Menschen bin ich mit andern Gästen unterwegs zum Nachtessen in den Speisesaal des Bildungshauses. Irgendwie stresst mich die kecke und etwas belustigte Frage der Frau, denn nach langem Diskutieren interessiert mich das bevorstehende Nachtessen weit mehr. Ich merke wie meine Hirnzellen auf Provokation schalten. Doch bevor ich etwas denken kann, höre ich mich schon sagen: «Gott liebt dich!» Erstaunt lächelnd steht die Frau da. Josef schaut zwischen der Frau und mir hin und her, zwinkert mit den Augen und lacht verschmitzt vor sich hin. Nach kurzem Schweigen gehen Josef und ich weiter. Die Frau bleibt stehen, sprachlos und nachdenklich. Vom Tisch aus beobachte ich, dass dieses kurze Intermezzo zu einem angeregten Tischgespräch geworden ist. Immer wieder kehren die Blicke der Frau und der andern Gäste an ihrem Tisch zu uns hinüber. Was sie wohl austauschen? «Gott liebt dich» – drei Worte nur, die mir ohne Nachdenken über die Lippen gesaust sind. Einfach so. Von Herz zu Herz eben. Ich danke Gott, dass es so ist und er mir diese drei Worte auf die Zunge legte. Sr. Beatrice Kohler ZweiMinutenPredigt

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