baldeggerjournal

6 Eine Religion des Erinnerns Sr. Pia Widmer leitete viele Jahre unsere Klostergärtnerei in Baldegg. Sie ist fasziniert vom Judentum und besuchte immer wieder Kurse im Lehrhaus in Zürich. Sr. Renata Geiger möchte wissen warum. Sr. Renata: Schwester Pia, wie bist du auf die Idee gekommen, ins Lehrhaus nach Zürich zu gehen? Sr. Pia: Ich durfte mit meiner Schwester dreimal nach Israel reisen, und damit habe ich begonnen, mich für Israel zu interessieren. Ich habe dann alles, was mir über das Judentum in die Finger kam, gelesen. Als ich erfuhr, dass es in Zürich ein Lehrhaus gibt, bin ich über einige Jahre für verschiedene Kurse dorthin gegangen. Ich besuchte Kurse über Allgemeines zum Judentum, über das Gebet, über die Haggada (Anleitung für das PessachMahl), über die Beziehung zwischen Judentum und Christentum. Es war sehr interessant. Sr. Renata: Wie bist du als katholische Ordensfrau dort aufgenommen worden? Sr. Pia: Zuerst haben sie etwas komisch geschaut, aber nachher hatten sie Freude darüber, dass ich mich als katholische Ordensfrau fürs Judentum interessierte. Probleme hat es keine gegeben. Sie haben mir dann aber auch viele Fragen gestellt über das Leben im Kloster. Sr. Renata: Was fasziniert dich denn besonders am Judentum? Sr. Pia: Im Judentum sind unsere Wurzeln. Je mehr ich mich mit dem Judentum befasst habe, desto mehr ist mir auch das Gemeinsame bewusst geworden. Jeden Tag beten wir die Psalmen, die auch in der jüdischen Gebetstradition einen festen Platz haben. Aber auch in den Evangelien entdecke ich viele Gemeinsamkeiten. Jesus und die Apostel waren Juden, auch Maria war Jüdin. Und – das Judentum lebt. Ich habe Mühe, wenn jemand sagt: «Die Juden haben früher …». Sr. Renata: Was meinst du damit? Sr. Pia: Das Judentum lebt, z.B. ihre Feste, sei es Pessach oder Schawuot oder was immer, das lebt, das ist heute. Die Ereignisse, an die diese Feste erinnern, sind gegenwärtig. Sr. Renata: Elie Wiesel sagt: Ein Jude zu sein heisst sich zu erinnern. Hast du das auch gehört, erlebt oder wahrgenommen? Sr. Pia: Das erlebst du bei allem. Jedes Fest ist Erinnerung an geschichtliche Ereignisse, z. B: Befreiung aus der Sklaverei, Auszug aus Ägypten oder Bundesschluss am Sinai. Aber das Erinnern geschieht jeden Tag. Jeden Morgen, wenn sie die Tefillin (Gebetsriemen) anlegen, beten sie das «Schema Israel» (Höre, Israel. Dtn 6,4). Darin heisst es unter anderem «Du sollst es deinen Kindern erzählen». Alles, was Jahwe in der Geschichte gewirkt hat, muss immer wieder an die nächste Generation weiter gegeben werden. Das ist ein Auftrag. Erinnern gehört zum Judentum. In fast jedem Gebet kommt das zum Ausdruck und das ist auch immer ein Grund zur Dankbarkeit. Wir sind die, die aus Ägypten herausgeführt und ins verheissene Land hineingeführt wurden. Mit uns hat Gott seinen Bund geschlossen. Sr. Renata: Und was geschieht, wenn ich mich nicht mehr erinnern will? Sr. Pia: Dann verrätst du den jüdischen Glauben, denn die jüdische Religion ist eine Religion des Erinnerns.

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