9 stehen. Merkwürdigerweise sagen wir: Er hält inne. Erwartend wird er seiner Umwelt wahr. Er wird des Blümleins inne. Jetzt beim Innehalten und beim Innewerden beginnt die Verinnerlichung. Das Blümlein, dessen Goethe innegeworden ist, weckt seine Gedanken und seine Gefühle. Sie beschäftigen also sein Innenleben. (Die Fortsetzung und das Ende des Gedichtes kennen Sie sicher noch von der Schulzeit her.) Das also ist die Verinnerlichung. Die wahrgenommene Aussenwelt beginnt in unserem Inneren zu leben mit Gefühlen und Gedanken. Ein Teil dieser Gefühle und Gedanken schlägt sich im Gedächtnis nieder. Sie werden zu Erinnerungen. Die Last der Erinnerung Unser Gedächtnis ist ein grosser Speicher. Er enthält einen Schatz von guten, aber auch von bösen Erinnerungen. Die guten Erinnerungen machen unser Leben reicher, die bösen Erinnerungen werden zur Last. Wir haben das Böse, das man uns angetan hat, vergeben und verziehen. Aber wir können es nicht vergessen. Wir sind nachtragend. Dabei gilt: Wer dem anderen einen Stein nachträgt, trägt ihn selber mit sich herum. Der andere weiss vielleicht gar nichts von diesem Stein. Uns aber belastet er. Die Erinnerung wird zur drückenden Last. Vom Glück des Vergessens Manchmal sollten wir etwas auf keinen Fall vergessen. Dann behelfen wir uns mit dem Knopf im Nastuch. Doch bisweilen ist es auch umgekehrt. Es wäre gut, wir könnten vergessen, was zu vergessen uns schwerfällt. Für diesen Fall steht uns kein Taschentuch als Hilfsmittel zur Verfügung. Wir müssen uns mit einer alten Redensart behelfen: «Schwamm darüber!» Damit war die Zechschuld ausgelöscht, die mit Kreide auf dem schwarzen Brett aufgeschrieben war. Doch heute steht man nicht mehr beim Wirt in der Kreide. Unsere Schulkinder haben keine Schiefertafeln mehr, und der Computer reagiert nicht auf den Schwamm. Er vergisst nichts. Es bleibt bei der Redensart: «Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.» Zwiespältigkeit von Erinnern und Vergessen Dies alles zeigt: Vergessen und Erinnern sind zwiespältig. Ein gutes Gedächtnis ist ein Segen. Aber wer nicht vergessen kann, belastet sich mit vielem, was niemandem nützt, ihn aber belastet. Aber umgekehrt ist Vergesslichkeit ein Übel. Sie beginnt früh genug mit dem Vergessen der Namen. Man hat zu viele Erinnerungen im Kopf und im Herzen, aber die Namen kommen einfach nicht mehr auf die Zunge. Umgekehrt macht es einem das Leben leichter, wenn man so manches vergessen kann. Was tun, damit es nicht bei dieser Zwiespältigkeit von Vergessen und Erinnern bleibt? Die Lösung: Bleiben Erinnern und Vergessen haben eins gemeinsam: Sie gehören der Zeitlichkeit unseres Lebens an. Man erinnert sich des Vergangenen und holt es mit der Erinnerung in die Gegenwart zurück. Erinnern heisst: Vergangenes sich vergegenwärtigen. Wer sich des Vergangenen lebhaft erinnert, dem ist, als sei das längst Vergangene erst heute geschehen. Aber die meisten Erinnerungen verblassen mit der Zeit und können ganz der Vergessenheit unwiederbringbar anheimfallen. Was bleibt übrig in und von der Vergänglichkeit unseres Lebens. Angesichts dieser Frage suchen wir immer neu nach dem Bleibenden. Ein Kirchengebet aus dem Messbuch gibt Antwort. In der alten Fassung hiess es: «Gott hilf uns durch die vergänglichen Güter so hindurchzugehen, dass wir die ewigen nicht verlieren.» Das war ein nicht sonderlich weltfreudiges Gebet. Die heutige Fassung ist weltoffener. Wir beten heute: «Gott hilf uns, die vergänglichen Güter so zu gebrauchen, dass wir die ewigen nicht verlieren» (17. Sonntag im Jahreskreis). Dieses Gebet war zwar gut gemeint, aber falsch übersetzt. Jetzt heisst es richtig und besser: «Gott, hilf uns, die vergänglichen Güter so zu gebrauchen, dass wir schon jetzt an ihnen teilhaben, die bleiben.» Zum guten Schluss: Woran sollen wir uns erinnern? Was also ist der langen Rede kurzer Sinn? Erstens gehen wir mit offenen Sinnen und wachen Herzen wie Goethe durch den Wald der Welt. Vergessen wir wie Usteri nicht das Veilchen, das auch uns am Wege blüht. Sammeln wir so Erinnerungen, die uns Freude bringen und Nutzen schenken. Geben wir in alledem Jean Paul recht: «Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.» Zweitens vergessen wir, was niemandem nützt und uns selber nur belastet. Drittens lassen wir ruhig unser Gedächtnis alt werden und manchmal unliebsam vergesslich. Das Entscheidende bleibt und das Beste wird noch bleibend kommen. Für den aber, dem es zu langatmig vorkam oder zu langweilig wurde: ein befreiendes «Schwamm drüber!» Doch zur Vorsicht vergessen Sie nicht: Lieber einen Knoten im Nastuch als einen Knopf in der Leitung ...
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