baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Kurt Beck, Journalist, Luzern 14 Erinnern Sie sich an ein Erlebnis als Kind, das Sie so richtig ins Staunen versetzte – mit offenem Mund und weitgeöffneten Augen? In unserm Baumgarten stand ein Klarapfelbaum. Jahr für Jahr brachte er zu meinem Namenstag seine Früchte. Vermutlich hing ich deshalb so an ihm. Da geschah es: Er musste umgehauen werden. Warum weiss ich nicht. Für mich war es eine Tragödie. Hartnäckig bettelte ich um einen neuen. Eines schönen Frühlingstages war es so weit. Unser Sigrist, ein kinderliebender, freundlicher Mann, kam zum Zweien. Unbemerkt schaute ich vom Schopf her zu. Er stellte die Leiter an, stieg hinauf, prüfte die Äste, setzte seine Riesenschere an, schnitt von einem Ast ein gutes Stück weg, dann von einem zweiten. Ich sprang aus meinem Versteck und fragte in meinem Schrecken: «Muss auch dieser Baum sterben?» «Nein, nein», beschwichtigte er mich. Der wird dir künftig Klaräpfel bringen. Er zeigte mir die zubereiteten Edelreiser. Ich verstand nichts, kam aus dem Staunen nicht heraus. Ich wusste damals ja nicht, dass dieser Mann von Beruf Baumwärter war. Weil er als unser Kirchensigrist dieses «Wunder» wirkte, erwartete mein kindlicher Glaube, dass er vor dem Baum niederknie und bete. Später geriet ich noch öfter ins Staunen. Ich erinnere mich an eine «Hertensteiner Begegnung» mit dem Quantenphysiker und Träger des alternativen Nobelpreises, Hanspeter Dürr. Da stellte ein junger Physiker dem Experten die provozierende Frage: Aber – was geschieht mit mir nach meinem Tode? Verblüfft harrten alle Dürrs Antwort. Sein Gesicht wurde nachdenklich. Dann die Antwort: «Sie und ich sind Energie. Vom Physikunterricht her kennen wir das Energie-Erhaltungsgesetz. Also können auch wir nie zu nichts werden.» Diese Antwort machte betroffen. Sie löste Irritation aus, die allmählich in ein «andächtiges» Staunen überging. Darob verstummten die Fragen. Eine aber bewegt mich bis heute: Gibt es echtes Staunen nur um den Preis der Irritation? KB Wer kann schöner staunen als ein Kind? Staunen manifestiert sich hier als pure Emotion, jenseits von Vernunft und Kalkül. Kein Wunder, dass wir auf die Frage, wann wir das letzte Mal gestaunt haben, Kindheitserinnerungen aktivieren. Da gab es viele Anlässe zu staunen, über das Neue, Unbekannte, das Unerklärliche. Dann haben wir dazugelernt, begonnen, die Welt zu begreifen. Die Wunder wurden weniger, Kausalität dröselte das Unerklärliche in logische Konsequenzen von Ursache und Wirkung auf. Vernunft ordnete zunehmend unsere Welt. Die Überzeugung, dass alles (wirklich alles?) erklärbar ist, liess keinen Platz mehr für das Staunen. Es verschwand zunehmend aus unserem Erwachsenenleben. Dass es verschwunden ist, heisst allerdings nicht, dass es nicht mehr existiert. Doch wo ist es geblieben? Wie kann es wiederbelebt werden? Du führst ein wunderbares Beispiel erwachsenen Staunens an. Die Antwort des Physikers, dass Menschen nie zu nichts werden, lässt wirklich staunen. Wir reden hier nicht von Staunen im Sinne von sich wundern, nicht kapieren oder nicht nachvollziehen können, sondern von Staunen, das uns fundamental erfasst, manchmal erschüttert. Ein bisschen staunen geht nicht, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Staunen bedeutet, unsere Komfortzone der gesicherten Erkenntnis zu verlassen. Dafür ist Irritation tatsächlich ein taugliches Mittel. Solange etwas in unser gewohntes Erklärungsmuster, in unser Denkschema passt, haben wir keinen Anlass zum Staunen. Staunen beginnt da, wo jene enden. Zum Staunen finden, ist auch für erwachsene, rational durchimprägnierte Menschen nicht so schwierig, wie man meinen möchte. Intensiv und umfassend ist es in der Liebe zu erleben. Eine unerschöpfliche Quelle des Staunens steckt auch in der Welt der Künste, die über reichlich Poesie, Magie und jene Irritationen verfügt, die uns staunen lassen. Allerdings: Staunen ist nicht Ende, sondern Anfang. HW Mit deinem Schlusssatz bist du in guter Gesellschaft. Der 90-jährige Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, sagt es so: «Mit dem Staunen haben wir begonnen, wir enden mit der Aufgabe». Als Erwachsene sehnen wir uns nach dem neugierigen Staunen des Kindes, fürchten uns aber vor der Irritation. Lassen wir es deshalb oft nicht zu? Zugegeben: Uns wissenschafts- und expertengläubigen Menschen fällt es schwer, uns vom Unerwarteten und Unerklärlichen, aber auch vom Schönen und Erhabenen, vom Geheimnisvollen und Heiligen treffen zu lassen. Wir haben es nicht mehr in der Hand. Unsere Absicherungen greifen nicht mehr. Das ist der Preis. Aber wie sonst sollen wir das neugierige Staunen zurückgewinnen? Entweder man staunt oder man staunt eben nicht. Wollen kann man es nicht. Aber wir wissen um den Wert einer tragenden Gemütsbildung. Selig der Mensch, der sie erfahren hat und selber immer wieder übt. So Erwachsen werden – und Kind bleiben

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