baldeggerjournal

15 ist es auch mit dem Staunen, das wir verlernt haben; es fordert lebenslange, auch «unverzweckte» Bildung. Das meint wohl auch Erich Kästner: «Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.» Und er fährt fort: «Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun»? Diese Frage verlangt Antwort. Vielleicht liegt sie im Jesus-Wort: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …» Oder in der Weihnachtsbotschaft: «Uns ist ein Kind geboren. Auf dessen Schultern liegt die Weltherrschaft.» KB Du bringst es auf den Punkt: Entweder man staunt oder man staunt nicht. So einfach ist das eigentlich. Schwieriger wird es, den Wert des Staunens zu fassen. Anfänglich schien mir auch das relativ klar. Staunen ist eine gute Sache, besonders erstrebenswert in einer durchrationalisierten und zunehmend digitalisierten Welt, in einer Zeit, in der der Hunger nach Emotionen exponentiell wächst. Im Gegensatz zur Entertainmentindustrie, welche die Massen mit Fastfood-Emotionen abspeist – und dabei noch erkleckliche Profite einstreicht – hat das Staunen mehr zu bieten als oberflächliche Reize. Staunen ist eine erschütternde Erfahrung, die Geist und Seele trifft – im Glück, wie im Unglück. Doch Staunen hat für mich auch eine problematischere Seite. Es bedarf einer gewissen Naivität, jener unverbildeten Kindlichkeit, die den Erwachsenen durch Schule und Sozialisierung mehr oder weniger erfolgreich ausgetrieben wurde. Das befördert einen Dualismus, der Fühlen und Denken als gegensätzliche Pole definiert und wertet: hier das kalte Kalkül, da das wärmende Gespür. Vernunft und Wissen werden so gegen Empfinden und Gefühl ausgespielt. Das bereitet den Boden für Fake News und Verschwörungstheorien absurdester Art. Zur Lebensbewältigung sind Emotionalität und Rationalität unverzichtbar. Das heisst für unser Thema: Staunen ersetzt vernünftiges Denken nicht. Es gibt da allerdings noch einen Aspekt, der mich beim Staunen irritiert. Das ist deren Passivität. Staunen widerfährt einem ohne besonderes Zutun. Aktiv staunen geht meines Erachtens nicht. Es geht mir nicht darum, das Staunen herabzumindern. Im Gegenteil, «Staunen, das ist der Samen unseres Wissens». Staunen und fragen müssen zusammengehen, damit wir Wissen und Erkenntnis gewinnen. HW Du fragst dich nach dem Wert des Staunens. Für mich liegt er im Staunen selbst. Es öffnet, weitet und wandelt, z.B. indem es Selbstverständlichkeiten ausser Kraft setzt. Vor kurzem wurde in einer mir befreundeten jungen Familien ein Kind mit Trisomie 21 geboren. Ich freute mich mit diesen Eltern auf das Wunder der Geburt ihres zweiten Kindes. Dann dieser Hammerschlag, diese Erschütterung! Es darf nicht wahr sein, sagte ich mir. Dass gesunde Kinder die Regel sind, aber keine Selbstverständlichkeit, wusste ich schon längst. Aber im Hier und Jetzt trug dieses Wissen nicht. Es war die Einstellung der jungen Eltern, die mich staunen liess: Auf der Geburtsanzeige stand: «Kein Mensch hat sich das Leben selber gegeben; das Geheimnis Leben ist Gabe und Aufgabe». Staunen aus Ergriffenheit verweist auf andere Dimensionen. Heute stand ich am offenen Sarg einer Mitschwester. Eben noch war sie lebend unter uns in ihrer liebenswürdigen Art. Nun liegt ihr toter Körper stumm da und stellt mir Fragen, auf die ich keine Antwort weiss. Ich staune über das Geheimnis dieses reichen Lebens und noch mehr über das abgrundtiefe Geheimnis Tod. Ich weiss, dass auch ich, wie jedes Geschöpf, diesen Weg gehe, und ich weiss doch nichts. Ich verstumme – aus Ehrfurcht. Da fällt mir der berühmt gewordene Vierzeiler eines unbekannten Dichters

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=