Zwei Meinungen – ein Thema 16 ein, mit dem sich Menschen seit dem Mittelalter bis heute beschäftigen: Ich bin, ich weiss nicht wer Ich komm, ich weiss nicht woher Ich geh, ich weiss nicht wohin Mich wundert, dass ich so fröhlich bin. Diese Grundgestimmtheit ist für mich der Resonanzboden echten Staunens. Der will immer wieder gestimmt sein. Nur so kann ich affektiv getroffen werden. Und diese affektive Betroffenheit ist es, die Neugier weckt, zum Weiterdenken anregt und zu neuem Staunen führt. Sie ist es auch, die erhabene Gefühle wie Ehrfurcht und Dankbarkeit zulässt. Darin liegt für mich nichts kindisch Naives, sondern vielmehr tiefe Menschlichkeit. Oder wie Kant es sagt: «Der Naive ist der ursprüngliche natürlich Aufrichtige, der an das Gute glaubt.» Zu diesem Staunen möchten wir doch zurückfinden. KB Wie schnell man doch zu den letzten Dingen und existentiellen Fragen über Anfang und Ende des Lebens, der Welt überhaupt kommt, wenn man sich Gedanken zum Staunen macht. Ist das erstaunlich? Kaum. Staunen kann erst entstehen in der Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Unbekannten jenseits unserer gewohnten Erfahrung. Darin waren wir uns schnell einig. Was liegt uns näher als unsere Existenz, die zugleich das grösste und unfassbarste Mysterium ist, mit dem wir konfrontiert sind? Es gibt genug Grund zum Staunen. Es liegt an uns, wieweit wir es zulassen. Offenheit und Neugier, Achtsamkeit und Empathie sind Schlüssel zur Welt des Staunens. Sich diese Eigenschaften und den Glauben an das Gute zu bewahren ist in einer Welt, die von Prinzipen der Berechenbarkeit und Produktivität bestimmt wird, nicht einfach. Sie sind aber notwendig. Ich bin der Ansicht, dass das Staunen über die individuelle Erfahrung und Befindlichkeit hinausreicht. Dass Staunen gesellschaftlich und weltanschaulich von grosser Relevanz sein kann, das zeigt ein Blick in die Geschichte. Staunen steht am Anfang der abendländischen Philosophie. Staunen steht für neue Erkenntnisse, für Wahrheit und Weiterentwicklung, steht gegen Ignoranz und ideologische Borniertheit. Hierin liegen für mich Wichtigkeit und Bedeutung des Staunens. Es ist notwendig und wertvoll, weil es uns alle weiterbringt. HW Wir sind nun einmal auf Beziehung hin geschaffen. Staunen ist Beziehungsgeschehen. Es gibt genug Grund zum Staunen: Das Gute, Wahre und Schöne in unserer grossen und kleinen Welt ist allgegenwärtig. Ob wir damit in Beziehung treten, hängt an uns. Ohne Beziehung aber können wir weder freudig ergriffen noch heilsam erschüttert werden. Beziehungsfähig bleiben ist unsere Aufgabe. Dazu reichen blosse Kontakte nicht aus. Beziehungslos aber schaden wir uns, den andern und der gesamten Schöpfung. Auch das ist in unserer kleinen und grossen Welt allgegenwärtig. Nicht wenige, Junge und Ältere, geraten dadurch in Verzweiflung, verneinen das Leben, die höchste aller Gottesgaben. Da fällt mir Goethes Dr. Faust ein. Der Verzweifelte war gerade daran, das tödliche Gift zu trinken. Da hört er die Glocken der Kirche und den Gesang der Engel: «Christ ist erstanden». Das hält ihn von seinem Tun ab, bringt ihn aber dennoch nicht zum Glauben: «Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube …» So geht es heute nicht wenigen, wenn wir demnächst wieder hören: «Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch eine große Freude. Heute ist uns der Heiland geboren, der Retter der Welt (und der Kirche). Ihr werdet ein Kind finden, in der Krippe liegend.» Wie immer schaute Sofie in den Briefkasten, wenn sie auf dem Heimweg von der Schule war. An diesem Tag lag nur ein kleiner Brief da – und der war für sie. Der Brief hatte nicht einmal eine Briefmarke. Sofie fand im Umschlag nur einen ziemlich kleinen Zettel, auf dem stand: Wer bist du? – So ungefähr beginnt der Roman «Sofies Welt» von Jostein Gaarder, der auf den sechshundert Seiten die kleine Sofie von Frage zu Frage durch die Geschichte der Philosophie führt. Damit findet sie den Zugang zum eigenen Leben. Und so erlernt sie gleichzeitig das Staunen über die Geheimnisse der Welt. Wer bist du? Was verdienst du? Wohin gehst du? Was tust du? Fragen dieser Art bringen uns leicht aus dem Konzept. Das ist doch Privatsache, sagen die einen. Warum so neugierig, fragen andere. Andere finden es ganz einfach schön und wohltuend, dass sich jemand für sie interessiert. Fragen sind Chancen für den, der es wagt, über sie nachzudenken. Wo wohnst du? So wurde auch Jesus gefragt. Seine Antwort war nicht eine Hausnummer oder eine Strassenbezeichnung oder das abwehrende «Was geht das dich an?». Seine Antwort war sehr einfach. Drei Worte brauchte er nur: Komm und sieh. Staunen lernt, wer sich auf diese Einladung einlässt. mrz ZweiMinutenPredigt
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