baldeggerjournal

7 Ich bin kein Mensch, der viel körperliche Bewegung sucht, wenigstens nicht in der Freizeit. Mein Alltag ist oft bewegt, weshalb ich mich in der Freizeit gerne phlegmatisch verhalte. Dies ist besonders für die Gesundheit nicht nur vorteilhaft. Als ich dann angefragt wurde, ein Angebot für den ‚Treffpunkt‘ zu überlegen, nutzte ich diese Gelegenheit, mich selbst etwas zu überlisten. Sr. Karin und ich begleiten seit sechs Jahren jeweils eine Pilgergruppe auf dem Schweizer Jakobsweg. Und das hat bei mir viel in Bewegung gebracht, nicht nur die Füsse. Diese Pilgertage verlangen eine gute Vorbereitung. Oft mache ich mich allein auf, um neue Wege auszukundschaften. Diese Stunden bieten mir die Möglichkeit, schnell Abstand vom Alltag zu erhalten, im Rhythmus des Gehens zur Ruhe zu kommen und in der Natur Gott zu begegnen. Immer wieder führt der Weg an alten Bauten und Denkmälern vorbei. Ich bin dort besonders verbunden mit den Menschen und deren Geschichte, fühle mich angezogen durch die mystische Aura der alten Kirchen und Kapellen. Und im Vorangehen, Schritt für Schritt, kann ich meine Kraft spüren und Lebensfreude tanken. Das lateinische Verb «peregrinare» bedeutet‚ aus religiösen Gründen in die Fremde gehen, den eigenen Acker verlassen, das Ungewisse wagen. Das Wagnis ist heute nicht gross. Digitale Geräte helfen, den Weg zu finden und machen mich und andere erreichbar. Dennoch bin ich beim Pilgern unterwegs, bewege mich im Hier und Jetzt, bewege mich zwischen Aufbruch und Ziel. Und in diesem Moment bin ich offener für die Begegnung mit mir selber, mit anderen Menschen und auch für die Begegnung mit Gott. Wenn wir dann mit der Gruppe pilgern, werden mir zusätzlich andere Erfahrungen geschenkt. Weil wir das Gepäck während Tagen mit uns tragen, sind die täglichen Wegstrecken meist etwas kürzer als in der Vorbereitungszeit. Deshalb ist es gut, sich beim Packen einzuschränken und nur das wirklich Nötige mitzunehmen. In der Gruppe erleben wir bewusst Zeiten der Stille, hören gemeinsam religiöse Impulse, haben unterwegs jedoch auch interessante Gespräche oder geniessen das gesellige Beisammensein beim Picknicken oder am Abend. Das Pilgern ist in der Gruppe einfacher, wenn die Umstände schwieriger werden. Wir haben sehr oft Glück mit dem Sr. Bernadette Lüchinger, Hertenstein Was bewegt mich auf dem Jakobsweg Wetter. Doch gemeinsam sind wir auch schon durch den Regen gegangen, haben gefroren oder im Gegenteil, wir waren der prallen Sonne ausgesetzt. Gemeinsam sind solche Wegstrecken einfacher zurückzulegen, haben oft einen besonderen ‚Reiz‘ und bleiben deshalb in guter Erinnerung. Grenzerfahrungen gehören zum Pilgern. Es ist jedoch auch wichtig, Grenzen zu erkennen und zu respektieren. In solchen Momenten müssen wir achtsam mit unseren Möglichkeiten und Bedürfnissen umgehen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Bei meiner ersten Pilgerwanderung – ich ging damals über den Pilgersteg bei Rapperswil – überlegte ich mir, weshalb ich mir diesen Weg zumute, weshalb ich diese Anstrengungen auf mich nehme. Doch es lohnt sich. Ich möchte diese Zeiten und die gemachten Erfahrungen nicht missen. Eine Mitpilgerin schrieb mir: «Auf die Jakobswege zu gehen ist für mich eine kurze, aber wohltuende Auszeit vom Alltag: zur Ruhe kommen, Zeit zum Nachdenken haben, wandern durch schöne Landschaften, viel Natur erspüren, und die täglichen Impulse in den Kirchen stärken mich, und so kann ich viel Energie tanken. Das Handy bleibt mehrheitlich ausgeschaltet. Ich werde durch nichts abgelenkt. Dafür finden interessante Gespräche in der Gruppe statt. Ich spüre während dieser Wandertage, wie wenig es braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Nach vier Tagen wandern gehe ich immer gestärkt und freudig in meinen Alltag zurück.» Pilgern bringt vieles in Bewegung, nicht nur die Füsse. Das ist meine Erfahrung.

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