9 Sr. Silja Richle, Baldegg Bewegung ist Leben Alles was lebt, bewegt sich. Das Leben steht nicht still. Es ist immer in Bewegung, verändert sich unaufhörlich vom Werden bis zum Vergehen. «Das einzig Beständige ist der Wandel», sagte schon Heraklit (500 v. Chr.). In der Natur mit ihren Jahreszeiten erleben wir diesen stetigen Wandel. Darin liegt ihre Kraft. Eine Vielfalt von Lebensformen entfaltet sich. Die Zeit hat Spuren hinterlassen. Wo sich in unserem Seetal einst Gletscher bewegten, ist eine sanfte Hügellandschaft entstanden und wurden die beiden schönen Seen gebildet. Auch die Bergwelt ist stetigen Veränderungen unterworfen. Sie kündet von einer bewegten, langen Geschichte. Felswände, zu denen wir aufschauen, sind tausendmal älter als die Menschheit. Die Faltung im Gestein zeigt: der Fels ist in der Bewegung erstarrt. Eis und Kälte vermögen den harten Fels zu sprengen. Gletscher schleifen das Gestein. Bäche graben Schluchten und tiefe Täler in Jahrmillionen. Wildbäche, die in den Bergen entspringen, können bedrohlich anschwellen und eine unbändige Kraft entwickeln. Sie halten ein ganzes Tal in Bewegung. Schauen wir zum nächtlichen Himmel. Der staunende Blick zu den Sternen beruhigt uns. Doch die Ruhe täuscht. Die Himmelskörper bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit durch das All. Die Erde rast um die Sonne in atemberaubendem Tempo. Wir kreisen mit ihr und merken es nicht. Ich bewege mich mit im Kosmos, auf unserer Erde und in meiner kleinen Welt – im Takt der Schöpfung, im Rhythmus der Zeit. Wenn ich mich in der Natur bewege, bewegt sich auch etwas in mir. Die gleichmässige Bewegung des Gehens bringt ins Gleichgewicht und befreit. Im Psalm 18 heisst es: «Du führst mich hinaus ins Weite … Du schaffst meinen Schritten weiten Raum». Nichts bewegt sich, wenn wir stehen bleiben. Es braucht die Begeisterung, das Mitreissende, die weit ausholenden Schritte nach vorn. Bewegung öffnet die Sinne für alles, was uns umgibt. Die Schönheit der Schöpfung berührt das Herz und führt zum Schöpfer, «in dem wir leben, uns bewegen und sind» (Apg 17,28). Im Evangelium nach Lukas lesen wir: «Maria bewegte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach» (Lk 2,19). Das ist Gebet, Bewegung von Herz zu Herz. Ein Wort bewegen, hin und her. Mein Herz ist gefüllt mit Gesichtern und Namen. Menschen, die mir eine Not anvertraut haben, mit denen ich eine Sorge trage, eine Freude teile – sie bewege ich im Herzen und lege sie ans Herz des Vaters. Es gibt Momente im Leben, da kann nur Musik ausdrücken, was mich bewegt. Sie ist eine Sprache, die mehr als Worte sagt; sie ist eine universale Sprache. Sie öffnet den Himmel. Ohne Bewegung gibt es keine Musik. Ton ist Schwingung. Schwingung ist Bewegung, ist Klang. Der Kosmos ist voller Klänge und Rhythmen. «Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort …» lautet ein Gedicht von Eichendorff. Eine leise Bewegung vermag es zu wecken, zum Singen und Klingen bringen. «… Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort».
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