10 Dr. P. Albert Ziegler SJ, Zürich Und sie bewegt sich doch ... Mit dem Thema «Vom Bewegen» hat uns Schwester MarieRuth eine ordentliche Suppe eingebrockt. Zwar wissen wir fürs erste aus der Erfahrung, was bewegen bedeutet. Beim Nachdenken hingegen offenbart uns die Bewegung eine verwirrende Vielfalt von Erscheinungen. Die Schwierigkeiten beginnen schon beim Wort. Bewegen − ein doppeldeutiges Wort Wer das Wort bewegen hört, wird leicht das Wort Weg mithören. Er hört richtig. Er könnte auch Woge, Wagen und Wiege heraushören. Alle diese Worte gehören zur gleichen Wortfamilie, die auf die Wurzel «egh» zurückgeht. Das bedeutet «sich bewegen, schwingen, fahren, ziehen». Bewegen selbst hat heute zwei unterschiedliche Bedeutungen. Zwar hat man sie im Althochdeutschen nicht genau unterschieden. Beim Bewegen ging es einfach darum, «etwas aus dem Zustand der Ruhe zu bringen». Heute jedoch gibt sich die Lehrerschaft alle Mühe, den Schülern und Schülerinnen den Unterschied deutlich zu machen. Da ist einerseits das schwache oder regelmässig gebeugte Verb. Es heisst «bewegen, bewegte, bewegt». In dieser Form hat bewegen wiederum zwei Bedeutungen, nämlich erstens lokal «eine Orts- oder Lageveränderung bewirken oder vornehmen» und zweitens in übertragenem Sinne und emotional «eine Gemütsbewegung hervorrufen». Auf diese Weise habe ich mich selbst und mit meinen Füssen nach Baldegg bewegt; und als ich die Klostergebäude sah, war ich innerlich bewegt. Da ist andererseits das starke oder unregelmässig gebeugte Verb, nämlich «bewegen, bewog, bewogen». Es bedeutet «jemanden zu einem Entschluss bringen oder etwas zu veranlassen». In diesem Sinne hat mich Schwester Marie-Ruth mit ihrer freundlichen Einladung, etwas über Bewegung zu schreiben, nicht nur innerlich bewegt, sondern auch bewogen, mich ans Werk zu machen und die Feder, bzw. das Diktiergerät in die Hand zu nehmen. Aber es bleibt die Frage, was Schwester Marie-Ruth konkret von mir will. Denkt sie beim Bewegen eher an das Motivieren des Geistes und Herzens in der Klosterkapelle oder an das Mobilisieren der Gelenke und Muskeln im Klostergarten? Bewegen − ein Grundzug des Universums Bewegung im weitesten Sinne ist eine Veränderung und damit der Übergang von einem Zustand in einen anderen. Sie hat drei Eigenschaften. Erstens bewegt sich die Bewegung in Raum und Zeit. Das Beispiel der Uhr macht es uns deutlich. Der Uhrzeiger bewegt sich kreisförmig im Raum. Für diese Bewegung braucht der Zeiger eine gewisse Zeit. Die Uhr ist so konstruiert, dass die Kreisbewegung eine Stunde benötigt. Der Raum ist das Nebeneinander in der Ausdehnung; die Zeit ist das Nacheinander in der Dauer. In der raum-zeitlichen Bewegung bewege ich mich von der Vergangenheit dort in der Gegenwart hier der Zukunft entgegen. Zweitens messen wir die raum-zeitliche Bewegung an der Bewegung der Gestirne. Seit je haben die Menschen den Lauf der Gestirne beobachtet und die Zeit danach gemessen. Die Gelehrten haben gestritten, ob sich die Sonne um die Erde (Ptolomäus) oder die Erde um die Sonne dreht (Kopernikus) oder ob sich die Erde auch noch um sich selber bewege. Jedenfalls zeigt die Alltagserfahrung den Sonnenauf- und Niedergang und die Mondbewegung vom Vollmond zum Halbmond. Darum bewegen wir uns im Ablauf des Tages mit den Tageszeiten und im Jahreskreis mit den Jahreszeiten. Zum Dritten ist die Bewegung ein Kennzeichen des Lebens. Leben ist Selbstbewegung. Ein zweites Beispiel macht es deutlich. Da ist das Kochsalz. Verbinden wir Chlor und Natrium, entsteht Chlor-Natrium, nämlich Kochsalz. Das ist ein Neues und Drittes. Da ist eine lebendige Zelle. Wenn sie Nährstoffe aufnimmt, entsteht nichts Neues; vielmehr entwickelt sie sich selbst. In diesem Sinne ist die Grundlage des irdischen Lebens ein zentralgesteuerter Stoffwechsel. Dank dieses Stoffwechsels kommt es zum Blutkreislauf, zur Atmung und Verdauung. Daran schliessen sich die geistigen Bewegungen von Denken, Wollen und Fühlen. Derart leben wir unser leibhaftes Leben mit Kopf und Herz, mit Händen und Füssen, in jungen und alten Tagen. Hören wir auf uns zu bewegen, erstarren wir. Wer erstarrt, stirbt. Die Leichenstarre ist des irdischen Lebens Ende. Aber noch leben wir und haben die Aufgabe, uns leibhaft und geistig zu bewegen. Bewegen − eine lebenslängliche Aufgabe Bewegen heisst also unterwegs sein und zeitlebens unterwegs bleiben, und zwar inmitten einer Welt, die sich ebenfalls ständig verändert und bewegt. Schon die alten Griechen wussten, dass «alles im Fluss ist» (Panta rhei). Platon zitiert Heraklid mit dem einprägsamen Bild «Zweimal kannst du nicht in denselben Fluss steigen». Beim zweiten Mal ist das Wasser des fliessenden Flusses wieder anderes Wasser; und du selbst bist um eine Spanne Zeit älter und anders geworden. Der Römer Ovid stimmt zu und sagt: «Alles ändert sich und wir uns in ihnen.» Damit sind uns drei lebenslängliche Aufgaben gegeben. Erstens gilt es, die Vergänglichkeit von Raum und Zeit gefasst anzunehmen. Denn was sich in Raum und Zeit bewegt, ändert sich nicht nur ständig, sondern vergeht auch unwiederbringlich. Darum bedarf es der Gelassenheit als der Fähigkeit, die Dinge kommen und gehen zu lassen wie sie kommen und gehen. Gelassenheit ihrerseits ist verschwistert mit jener Heiterkeit, die in aller Verlegenheit
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