11 die Überlegenheit wahrt. Sie hilft, in die Vergänglichkeit einzugehen, aber darin nicht unterzugehen. Zweitens gilt es, die Beweglichkeit zuversichtlich zu erhalten. Der Mensch bringt Lebensfreude mit ins Leben. Die Bewegungsfreude der Kinder ist kaum zu bändigen. Mühsam müssen sie lernen, ein Weilchen stille zu sitzen und beim Hüpfen nicht über die eigenen Beine zu stolpern. Wie beweglich sind die Gedanken junger Menschen, die ihre Zukunftspläne schmieden und ihre Phantasie walten lassen. Schön ist die Jugend. Aber sie kommt nicht mehr. Bald vergisst man, dass der Mensch nur ein Gesäss zum Sitzen, aber zwei Füsse und Beine zum Gehen und zwei Hände zum Wirken hat. Wir setzen Sitzfleisch an; manche werden zu Sesselklebern. Jetzt warnen uns die Ärzte bei jeder Gelegenheit, uns gedanklich und leibhaft mehr zu bewegen. Trotzdem nimmt die Beweglichkeit ab ! nicht nur der Gelenke und Muskeln, sondern auch der Gedanken und Pläne. Umso mehr bedürfen wir jetzt jener gelassenen Heiterkeit, die uns die Altersweisheit schenkt. Sonst kommt es zu jenem Altersstarrsinn, der so dem Vergangenen nachtrauert, dass er nichts Neues mehr zu ergreifen vermag. Nimmt die Altersstarrheit überhand, veraltet die Gesellschaft. Darum brauchen wir in der Gesellschaft immer wieder neue Bewegungen. Wir haben in der Zwischenkriegszeit eine Jugend-Bewegung erlebt. Später machte uns die Bewegung der 68er zu schaffen. Gegenwärtig bricht eine Umwelt-Bewegung auf. Gilt dies alles nicht auch für die Kirche? Viele sehen in der Kirche eine alte Mutter, die altersschwach am Stock geht und bald des Rollators bedarf. Sie ist unbeweglich und starr geworden. Sie könnte im Altersstarrsinn enden. Andere sehen auch in der Kirche von heute viele und vielfältige Bewegungen am Wirken. Sie bringen frischen Wind in die Kirche und halten sie jung. Wer darüber nachdenkt, entsinnt sich vielleicht eines Wortes von Galileo Galilei. Er hatte gelehrt, dass sich die Erde um die Sonne bewege. Dieser Lehre musste er abschwören. Er tat es. Doch hinterher soll er im Stillen gesagt haben: «Und sie bewegt sich doch!» Wohl ist das Wort eine spätere Erfindung. Nicht erfunden aber ist, dass Papst Johannes Paul II. ihn 1992 rehabilitiert hat. Bewegt sich also unsere Kirche? Gewiss, wenngleich nur zu oft mit viel Verspätung. Dennoch gilt es drittens, die Ruhe gewissenhaft zu pflegen. Bewegung ist das eine. Sie ist lebensnotwendig. Aber sie ist nicht alles. Der Mensch bedarf auch und gerade heute der Ruhe und der geruhsamen Erholung. Das gilt nicht nur körperlich und leibhaft, sondern auch geistig, ja sogar politisch. Die alten Römer kannten das Wort «Quieta non movere». Man soll «Ruhendes nicht aufrühren». Sie haben das Wort von den Griechen übernommen und bis heute weitergereicht. Darum sagen wir im deutschen Sprachbereich «schlafende Hunde nicht wecken». Die Franzosen halten es mit der Katze: «Il ne faut par réveiller le chat qui dort». Dies alles darf man heute freilich nicht laut sagen. Alles muss ans Tageslicht gezerrt werden. Geheimnisse sind das gefundene Futter vieler Presseleute. Gewiss auch in der Kirche dürfen wir nichts vertuschen und beschönigen. Doch wenn man nichts mehr für sich behalten darf, wird die lebendige Bewegung des gesprochenen und gehörten Wortes zum bitteren Zwang der Veröffentlichung. Was immer geschieht, alles muss an die grosse Glocke gehängt werden. Wie gut, dass es auch Stätte und Orte der Stille gibt. Hier kann man zur Ruhe kommen und so einander neu begegnen. Darum sind die Orte der Ruhe auch Begegnungsstätten. Das Kloster Baldegg ist ein solcher Ruhe- und Begegnungsort. Hier wird Tag für Tag deutlich: Aus der Ruhe kommt die Kraft, sich selbst und vieles andere zu bewegen. Deshalb bewegt sich vieles und viel im Kloster und vom Kloster aus. Und hoffentlich auch in und mit diesem Heft ...
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=