12 Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franz «Chatten» mit den Vögeln? Das fällt mir spontan ein, wenn ich mir vor Augen führe, wie die Vögel dir gespannt zuhören. Nahezu synchron durch ihre Unbeweglichkeit, aber mit sichtbarer Spannung in den Augen, antworten sie dir. Anwesend, nur durch die beiden Welten ! Mensch und Tier – getrennt. Nicht in der virtuellen, sondern reellen Welt. Fast zeitgleiches, gegenseitiges Senden und Empfangen von Botschaften, nicht schriftlich, aber mündlich und nonverbal. Selbstverständlich war deine Predigt kein «Plaudern» oder «Unterhalten», sondern Verkündigung des Evangeliums. Du sahst es als Auftrag Gottes, der gesamten Schöpfung das Evangelium zu verkünden. Denn du liebtest alle Geschöpfe. Du nanntest sie Brüder und Schwestern, sie waren deine Geschwister. Mich beeindruckt deine Art der Verkündigung mehr als die heutigen Kommunikationsmittel es tun, obwohl ich sie auch nicht missen möchte. Sie können zwar innert unglaublich kurzer Zeit Menschen weltweit vernetzen, aber das ist nur ein Teil der Schöpfung. Mit deinem «Chatten» verbindest du verschiedene Welten «vor Ort», die Tierwelt oder andere «Welten» der Schöpfung. Du hast dies vor Jahrhunderten ohne Handy und Internet fertig gebracht! Überall auf der Welt fühlen sich Menschen mit dir und deiner Botschaft verbunden. Dass du mit deinem Leben vieles bewegt hast, ist bekannt. Dass du es aber geschafft hast, unter anderem mit deiner Vogelpredigt eine weltweite Bewegung zu initiieren, fasziniert mich ausserordentlich. Insbesondere mit dieser Predigt hast du die Welt auf dich und deine Haltung aufmerksam gemacht und bist so zum ersten Tierschützer geworden. Der 4. Oktober, dein Festtag als Heiliger, ist zum Welttierschutztag erklärt worden. 1980 hat dich Papst Johannes Paul II. zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie ernannt. Deine friedfertige Haltung gegenüber der Schöpfung wird theologisch interpretiert. Du hast eine eigentliche Spiritualität der Schöpfung geschaffen. Du hast Politik, Bildung, Literatur und Kunst geprägt und Menschen zum Denken herausgefordert. Bücher, Filme, päpstliche Schreiben, musikalische Werke, Malereien, Bildhauereien und viele weitere künstlerische Werke wurden geschaffen. Ganz zu schweigen von der weltweiten Ordensbewegung, die du ausgelöst hast. Und zu deinem 800. Geburtstag gab die Deutsche Bundespost eine Briefmarke heraus mit dem Bild deiner Vogelpredigt. Mit der Vogelpredigt zeigst du uns, welche Sprache die gesamte Schöpfung versteht: die Sprache der Liebe. In dieser Sprache hast du mit den Vögeln «gechattet». Und was stelle ich fest, wenn ich den Schluss deiner Vogelpredigt lese? In den Fioretti heisst es: «Die Vögel begannen allesamt ihre Schnäbel zu öffnen, ihre Hälse zu recken, mit ihren Flügeln zu schlagen und ehrfürchtig ihre Köpfchen zur Erde zu neigen; und mit lautem Gezwitscher (Twitter) bezeugten sie, dass deine Worte ihnen große Freude bereitet hatten.» Selbst das Twittern war dir bereits bekannt. Lieber Bruder Franz, mein Brief erreicht dich per Post, also nicht so schnell wie beim Chatten. Dafür dauert meine Vorfreude auf deine Antwort länger. Ein Sprichwort sagt: «Vorfreude auf das Gute ist ein Teil des Genusses.» Liebe Grüsse deine Schwester Serafina «Einmal sah der Hl. Franziskus an einem Ort eine sehr grosse Menge verschiedener Vögel auf Bäumen sitzend und im Felde sich tummelnd. Da ging er hin und begann ihnen zu predigen. Kaum hatte er begonnen, flogen alle Vögel, die auf den Bäumen sassen, herbei und blieben allesamt unbeweglich am Boden, während er zwischen ihnen hinschritt und viele mit seinem Habit streifte. Keines von den Tieren flog von der Stelle. Unbeweglich hörten sie seiner Predigt zu» (aus den Fioretti). Mit Vögeln chatten
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