Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Wilhelm Schmid, geboren 1953 in Billenhausen in bäuerlicher Umgebung. Er studierte Philosophie und Geschichte, lehrte an verschiedenen Universitäten, zuletzt in Erfurt. Heute lebt er als freischaffender Philosoph in Berlin, www.lebenskunstphilosophie. de. Seine Bücher erreichten bis 2018 eine Gesamtauflage von etwa 1,5 Mio. Exemplaren. Erfolgreichstes Buch: «Gelassenheit – Was wir gewinnen, wenn wir älter werden», 2014. 14 SH Sie kennen den ungemütlichen Zustand auch. Sie sitzen vor einem weissen Blatt, sie sollten einen Brief schreiben. Der geeignete Anfang fällt ihnen einfach nicht ein. Nachdenken vom Hundertsten ins Tausendste, Finden und Verwerfen, sich ablenken, dann sich festbeissen an einem Gedanken, der wieder nicht weiter führt. Und wenn bei all dem noch immer nichts geht, hilft nur eines: Man muss gehen. Weg vom Schreibtisch, hinaus ins Freie. Schritt um Schritt gehen. Man kommt langsam weiter und merkt: Es geht! Man ahnt, wo das Ganze hingehen könnte. Grosse Denker haben das erkannt. So lesen wir bei Rousseau: «Ich kann nur beim Gehen nachdenken; bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken.» Und der Nazarener Jesus hat im Wandern seine Botschaft verkündet. Heute sind es Neurowissenschafter, die den Zusammenhang von Gehen und Denken eindrücklich nachweisen. Um sechzig Prozent soll der «kreative Output» eines Menschen zunehmen, wenn er geht statt sitzt. Auch spirituelle Lehrer nützen diese Erkenntnis. Psychiater versuchen ihre depressiven Patienten zum Gehen zu bewegen. Chefs führen neuerdings Mitarbeitergespräche im gemeinsamen Gehen, weil so bewegt wird, was ausgesprochen sein will. WanderCoaching verbindet professionelles Coaching mit Gehen in der Natur. Bücher über das «Gehen» füllen die Regale der Ratgeberliteratur. Eigentlich sind es «Verlustanzeigen». Der Verlust des «Gehens» ist also offensichtlich. Schon Nietzsche geisselte ihn mit harten Worten: «Das Sitzfleisch ist die eigentliche Sünde wider den Heiligen Geist.» Der Lebensphilosoph sieht da wohl weiter. WSCH Ja, das sehe ich auch so. Deswegen gehe ich jeden Morgen aus dem Haus und setze mich im Café wieder hin. Auf dem Weg dazwischen war ich dann schon eine Weile im Freien, auf dem Weg nach Hause bin ich es auch wieder. Wie weit der Weg ist, lege ich jeden Morgen neu fest. Kommt ganz auf das Tagesbedürfnis an. Manchmal muss ich kilometerweit gehen, bis ich in den Tag gekommen bin. Manchmal gehe ich nur um die Ecke. Am anderen Ende ist auf jeden Fall immer ein Café. Ich kenne viele Cafés in Berlin, einige suche ich häufig auf, andere seltener. Und immer wieder gehe ich auch los, ohne zu wissen, in welchem Café ich ankomme. Es kann sein, dass ich in einem Stadtteil umherirre, in dem ich noch nie war, und dass es eine ganze Weile und eine größere Wegstrecke dauert, bis ich ein Café finde, das ich nicht gesucht habe. Warum muss es ein Café sein? Das ist eine Marotte, englisch gesagt ein Spleen, eine Methode, dem Leben eine Struktur zu geben, die es nicht schon von selbst hat. Ich lebe ein sehr freies Leben, das ist schön, aber es braucht eine zeitliche und räumliche Struktur, sonst bringe ich nichts zustande. Und die fixe Idee, den Cafés hinterherzugehen, hat mich schon oft an tolle Orte geführt, die ich sonst nie gesehen hätte, und mit interessanten Menschen zusammengebracht, denen ich sonst nie begegnet wäre. Natürlich mache ich auch Gebrauch von modernen Techniken. Mein Smartphone hat ein GPS mit Hinweisen auf Cafés, und mit einer Aktivitäts-App messe ich, wie viele Kilometer ich an einem Tag unterwegs bin, auch wie viele Treppen ich steige. Das klingt albern, ist aber eine hilfreiche Methode, das Gehen nicht zu vernachlässigen. Weniger als fünf Kilometer sind es selten. Wenn doch, dann sind es am nächsten Tag eben sieben Kilometer. Beim Gehen denke ich, und es kann vorkommen, dass ich so viel denke, dass ich nicht bemerke, wie ich zum Ziel gekommen bin. Ich bin angekommen, aber ich weiß nicht, wie es gegangen ist. «Es» ist gegangen, nicht ich. Das Sitzfleisch – die Sünde wider den Heiligen Geist
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