15 SH Im Kloster muss ich nicht kilometerweit gehen, um im Tag anzukommen. Der morgendliche Gottesdienst heisst mich, die Komfortzone zu verlassen und in die Kapelle zu gehen. Hingegen ist der Weg vom nächtlichen Schlaf in die wache Präsenz vor meinem Gott nicht immer so direkt und erfolgreich. Aber ohne innere Präsenz vermag mich das Feiern nicht für den Dienst zu bewegen. Und darum bleibe ich am Üben. Mein Arbeitsweg zu Fuss vom Kloster in meine Praxis hilft mir, in meiner beruflichen Aufgabe anzukommen. Der Weg ist beidseitig gesäumt von Obstanlagen, die meine Sinne bewegen. Das macht mich offen und bereit für das Kommende. Aufgeräumte Offenheit ist der verlässliche Boden für Beratungsarbeit. In meiner Praxis angekommen, bin ich eingestellt auf das, was auf mich zukommen wird. Die Arbeit mit Menschen, eingebunden in ihren lebensgeschichtlichen Kontext, ist voller Überraschungen und Fragezeichen. Der Weg zu gesuchten Lösungen ist meist kein gradliniger von A nach B. Die bisherigen Erfolgs- und Misserfolgswege, die erfahrenen und erlittenen Um- und Irrwege, die geglückten und missglückten Beziehungen, der ganze bisherige Lebensweg setzt Wegmarken und Kreuzungen. Sie bergen Ressourcen, die freigelegt werden wollen. So zeigen sich neue Wege, neue Perspektiven. Menschen sind zur Umkehr fähig. Ich erinnere mich an meine Umwege. Hätte ich damals als junge Frau die Möglichkeit gehabt, in einer staatlichen Lehrerinnenausbildung zu meinem Berufsziel zu kommen, ich hätte nie die Klosterschule Baldegg gewählt. Aber vermutlich hätte ich dann auch nicht zu meinem Ordensberuf gefunden. Rückblickend ein Glücksweg! Das Leben verstehen und annehmen ist ein langer, mühsamer, letztlich aber reich lohnender Weg. WSCH Oh, von Umwegen kann ich auch berichten. Ich habe sie mir lange zum Vorwurf gemacht, da ich auf diese Weise viel Zeit verloren habe, die mir für eine geradlinige Karriere fehlte. Aber letztlich war es gut so. Sonst hätte ich mangels Bewegung zuviel Sitzfleisch entwickelt und es wäre keine lebendige Lebensphilosophie entstanden. Umwege sind erfahrungsreicher als gerade Wege. Ein erster Umweg wurde nötig, weil ich ein Bildungsverweigerer war. Nachdem mir die Schule erst leichtfiel, fiel sie mir mit einsetzender Pubertät zunehmend schwer. Die Liebe war viel interessanter. Der Heilige Geist, das war für mich sehr früh schon die Erotik. Die verträgt sich nicht mit Sitzfleisch. Aber irgendetwas musste ich ja doch lernen. Meine Mutter entschied, dass ich Schriftsetzer lernen sollte. Ich hielt mich damals schon eher für einen Schriftsteller, aber damit war kein Geld zu verdienen. Also eine Schriftsetzerlehre, jeden Morgen ab 7 Uhr am Setzkasten, den es damals noch gab, mit Bleilettern, mit denen Buchstabe für Buchstabe die Sätze zusammenzusetzen waren, im Stehen, bis die Beine wehtaten. Ich habe mir damals geschworen, dass ich die Seite wechseln werde, also eben doch noch zum Schriftsteller werden würde. Dafür war allerdings mehr Bildung erforderlich. Bis es so weit war, musste ich erst einmal ein bisschen mehr Geld verdienen. Also fragte ich in der Diskothek nach, in die ich am Wochenende ging, ob ich Platten auflegen könnte. Dafür bekam ich, glaube ich, 20 Mark am Abend, das war sehr viel Geld. Aber ich bekam noch viel mehr, nämlich eine Favoritenstellung bei den Mädchen, die die Diskothek besuchten. So kam ich zu meiner ersten Frau. Wir waren blutjung, wir machten uns Gedanken über nichts und schon war sie schwanger. In so einer Situation musste man damals heiraten. In kurzer Zeit war die ganze Romantik dahin, in der wir wie in einer Wolke schwebten. Die junge Ehe zerbrach und ich stand wieder vor der Frage, was aus mir werden soll. Also wandte ich mich wieder den Büchern und der Bildung zu. Naja, das ist jetzt etwas verkürzt. Mit einem wunderbaren Freund, den ich fand und mit dem ich bis heute eng befreundet bin, trieb ich mich weiterhin in Diskotheken herum. Es waren die siebziger Jahre, die Jahre der freien Liebe, die noch nichts von AIDS wusste, eine traumhafte Zeit. Aber ich habe in dieser Zeit auch das Abitur nachgeholt und dann mit etwa zehn Jahren Verspätung doch noch studiert. SH Auch Ihr Weg zum Schriftsteller ging über Umwege. Und Ihr Weg zur ‘Liebe des Lebens’ war kein gradliniger. Sie hielten sich schon als Schriftsetzer-Lehrling eher für einen Schriftsteller. Die Umstände, fehlendes Geld und verpasstes Abitur, stellten sich quer dazu. Nichts desto trotz sind Sie es geworden. Und zwar nicht irgendein Schriftsteller, sondern der Bestseller Autor Deutschlands. Der Weg dazu führte über die Lebensphilosophie, die sich der Lebenskunst verschrieben hat. Warum gerade Lebensphilosophie? Die war doch zur Zeit Ihres Studiums noch gar nicht salonfähig. Und Sie gehen auf diesem Weg unentwegt weiter. Auch der Erfolg ist nie stehen geblieben. Es mögen bis heute über dreissig Titel sein. Aber Sie sind auf diesem Erfolg nie sitzen geblieben. Erstaunlich! Sie glauben an die Lebenskunst? Sie glauben noch immer daran, dass Leben gelingen kann? Auch ich vertraue darauf, obwohl ich in meiner Arbeit mit Menschen vor allem mit Widerständen, mit verschütteten, verkrümmten Wegen zu tun habe. Warum bleibe ich dran? Die Frage: Was bewegt mich und wovon lasse ich mich bewegen, wird für mich mit zunehmendem Alter bedeutsamer. Es bleibt mir nicht mehr alle Zeit. Es gibt doch noch so viel Nährendes für meine Lebendigkeit in den späten Jahren! Treibende und bewegende Kraft ist für mich die gute Erfahrung, wie Menschen an Schwierigkeiten, an Widerständen wachsen, sich wandeln und mehr und mehr sich selber werden können – wenn sie ein Gegenüber finden. Ich stelle mir auch das Schreiben eines Buches nicht als gradlinigen Spazierweg vor. Zudem gibt es ja Bücher zu Hauf. Und Schreiben ist doch eine recht einsame Arbeit. Was denn hält den schreibenden Lebensphilosophen bei der Stange? Was bewegt ihn zu immer neuem Aufbrechen? Ist es der Hunger der Leserinnen und Leser nach gelingendem Leben, nach Glück? Ist es die eigene Unruhe des Geistes und des Herzens? Oder ist es schlicht der Erfolg? WSCH Die Lebenskunst sollte nicht verwechselt werden mit dem «gelingenden Leben». Das ist mir sehr wichtig, denn sonst glauben noch mehr Menschen, dass sich das Leben nur
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