Zwei Meinungen – ein Thema 16 lohnt, wenn es gelingt. In meinem Leben ist mir viel misslungen. Da waren nicht nur Umwege, sondern auch Irrwege. Was wäre gewesen, wenn ich darüber so verzweifelt wäre, dass ich nicht mehr hätte leben wollen? Das ist keine theoretische Frage, sondern eine, die sich mir zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr praktisch stellte. Daraus ging die Arbeit an der Lebenskunst überhaupt erst hervor. Ein Jahr meines Studiums habe ich in Paris verbracht. Dort sass ich und schottete mich ab, um nur noch reine Philosophie zu betreiben. Ich hatte mich vollkommen auf das Studium fixiert und wollte allein mit Denken das ganze Leben bewältigen. Essen war überflüssig. Trinken war überflüssig. Soziale Kontakte waren überflüssig. Das habe ich wirklich rigoros betrieben. Rückblickend kann man sagen: Totale Verrücktheit, aber ich hielt es für normal, eine Pizzaecke pro Tag, ein Espresso, das musste genügen. Als ich ernsthafte Kreislaufschwierigkeiten bekam, brachte ich das nicht mit diesem Leben in Verbindung. Und da ich nicht mit anderen Menschen sprach, konnte mir auch niemand helfen. Es gab einen einzigen seidenen Faden, an dem mein Leben hing – und das war meine Freundin, mit der ich damals frisch zusammen war, mittlerweile sind wir seit 36 Jahren zusammen. Sie lebte in Deutschland. Telefonieren war zu teuer, also schrieben wir uns Briefe. Die brauchten drei Tage hin, drei Tage zurück, aber sie kamen verlässlich. Es bildete sich in mir ein Bild von ihr heraus, das mich am Leben erhielt. Nur darin sah ich noch einen Sinn des Lebens. Das war meine Rettung. Dann erst verstand ich, was wichtig für das Leben ist: Liebe, Essen, Trinken, soziale Beziehungen, Freundschaft. So wandte ich mich vom reinen Denken ab und der Lebenskunst zu. Von da an konnte ich unbeirrt weitergehen. Ein Irrweg kann einen Menschen also auch auf seinen Weg bringen. Die Rede vom gelingenden Leben redet davon nicht, die setzt Menschen auf eine falsche Fährte. Ich liebe einfach meine Arbeit. Und meine Frau, die immer mit mir denkt und mit der ich sehr viel diskutiere, wie auch mit meinen Kindern und Freunden. Mich beschäftigt so vieles und wenn etwas im Denken überhand nimmt, dann gehe ich der Sache nach. Jetzt beispielsweise der Frage, was die Digitalisierung für das Menschsein bedeutet. Die vielen Digitalisierer heute haben ja alle Hände voll zu tun. Die können nicht auch noch das Nachdenken übernehmen. Etwas so gründlich wie möglich durchdenken und die Resultate der Gesellschaft zurückgeben, die mir mein nachdenkliches Leben ermöglicht: Das ist meine Aufgabe. Die endet nie. SH Sie haben es auf den Punkt gebracht: es sind Aufgaben, die uns in Bewegung halten und die das Leben stellt. Leben kennt keinen Stillstand. Aufgaben wollen geistesgegenwärtig wahrgenommen und mit allen Kräften des Geistes und des Herzens angegangen werden. Das stellt uns selber immer wieder in Frage und hält uns lebendig. Wer sich dazu entscheidet, kann nicht geistlos sitzen bleiben auf bisher Erreichtem, bisher Erkanntem und Gedachtem. Es ist die geistgewirkte Lebensdankbarkeit, die vorwärts zieht, unsern Blick für das grössere Ganze weitet und uns immer wieder aufbrechen heisst. «Und sie bewegt sich doch!» Sie kennen diesen berühmten Satz von Galileo Galilei, den er klar, sogar trotzig, formulierte, als er sich vor dem kirchlichen Inquisitionsgericht zu verantworten hatte. Heute braucht uns niemand mehr davon zu überzeugen, dass sich die Erde um die Sonne und einmal täglich um sich selber dreht. Sich bewegen ist ein Urbedürfnis des Menschen, ebenso sind Bewegung und Entwicklung nicht voneinander zu trennen. Warum verfolgen die modernen Schulen Projekte wie «Lernen in Bewegung»? Schon in der Antike wusste man, dass körperliche Bewegung ein wirksames Mittel gegen Schwermut sei. Was tut sich in unserem Kopf, wenn wir uns bewegen: nachdenken über Vergangenes, planen für die Zukunft, nach guten Ideen suchen und vielleicht auch seinen Frust abreagieren? Sie sind allein unterwegs. Führen Sie dann auch ein Zwiegespräch mit Gott – sprich: beten? Gott geht unsere Wege mit, auch wenn unser Bewegungsapparat vielleicht nicht mehr so viel bewältigen kann. Trotz allem in Gedanken mit diesem Gott auf dem Weg sein, ihm folgen und dadurch ihm immer näher kommen bewahrt uns vor Resignation und Unzufriedenheit. Bei Joh 1,38-40 fragen zwei Jünger: «Meister, wo wohnst du?» Er antwortete: «Kommt und seht!» Im Glauben daran freuen wir uns auf die kommende Sommerpause, die uns hoffentlich viel Zeit für Bewegung schenkt und uns die Stimme Jesu vernehmen lässt: «Kommt und seht!» Sr. Boriska Winiger, Baldegg ZweiMinutenPredigt
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