7 durch den Kompromiss. Drittens kann ich darauf vertrauen, dass ich der Stärkere bin. Ich schiebe den mir Entgegenkommenden gewaltsam auf die Seite und aus dem Weg. Das ist die Konfliktlösung durch Gewalt. Das ist der Kampf im eigentlichen und strengen Sinne. Doch das Gebiet des Kämpfens reicht viel weiter. Vom Kampf der Waffen zum Zwiespalt des Herzens Das erste ist, wie bereits angedeutet, Kampf mit Waffengewalt. Schiller schreibt trefflich in «Wallensteins Tod» (II / 2): «Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit. / Leicht beeinander wohnen die Gedanken, / Doch hart im Raume stossen sich die Sachen; / Wo eines Platz nimmt, muss das andere rücken, / Wer nicht vertrieben sein will, muss vertreiben; / Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt.» Die Rede ist vom Faustrecht. Recht hat und bekommt, wer die stärkeren Fäuste hat und damit nicht nur auf den Tisch haut, sondern die rohe Gewalt der Arme (brachium). Das erinnert an das Wort des Plautus: «Homo homini lupus» (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf). Ähnlich spricht später Thomas Hobbes (1642/1647) vom «Bellum omnium contra omnes» (Der Krieg aller gegen alle). Der englische Philosoph bezeichnet damit den natürlichen Zustand der menschlichen Gesellschaft vor der Einführung einer vertraglichen Staats- und Rechtsordnung. Das also sind die harten Sachen, die sich stossen. Aber Schiller meint auch: «Leicht beeinander wohnen die Gedanken.» Schiller hat gewiss Recht, solange die Gedanken nur Gedanken in Kopf und Herz bleiben. Aber sobald die Gedanken in Worten geäussert werden, kann es zum Wortstreit kommen. Jeder will Recht haben und Recht bekommen. Auf der ersten Stufe wird diskutiert. Diskussion kommt von discutere. Das Wort bedeutet, etwas solange zu schütteln, bis es in seine Einzelteile zerlegt ist. Diskutieren bedeutet demnach, bei Meinungsverschiedenheiten die einzelnen Ansichten so hin- und herschütteln, bis sich der Weizen vom Spreu gesondert hat und man der Wahrheit nähergekommen ist. Die Steigerung der Diskussion ist der Disput. Das lateinische Wort disputare heisst zwar wörtlich «Auseinanderschreiten», aber bedeutet, etwas nach allen Seiten erwägen. Es könnte bedeuten: Bei der Disputation wird nur zerlegt und analysiert; beim Disput wird das Zerlegte gewogen und erwogen. Derart wird das Nebensächliche vom Wesentlichen unterschieden. Es kommt darauf an, bei Meinungsverschiedenheiten die Hauptsache nicht aus dem Kopf und dem Gespräch zu verlieren. Der Wortstreit im engsten Sinne ist die Debatte. Der Wortstreit wird zur Wortschlacht. Es kommt nur noch darauf an, den Gegner mit Worten zu schlagen. Das lateinische Wort battere bedeutet nämlich «schlagen». In diesem Sinne geht es bei der Debatte nicht darum, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, sondern nur den Gegner zu treffen und zu schlagen. So haben wir denn zum Ersten den blutigen Streit der Waffen und zum Zweiten den oft nur trickreichen Kampf der Worte. Allein damit haben wir den Kern des Kämpfens noch nicht erreicht. Der Kampf beginnt nämlich nicht erst, wenn ich meine Worte anderen gegenüber äussere. Er beginnt früher und zwar im eigenen Herzen. Entspricht Goethes Wort nicht einer eigenen Alltagserfahrung: «Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.»? Jedenfalls steht dahinter eine alte Menschheitserfahrung. Schon Plato vergleicht die Seele des Menschen mit zwei Rossen, von denen das eine schön und gut, das andere unedel ist, das eine himmelwärts strebt, das andere mit seiner Wucht zur Erde zieht. Jenes ist der Sitz der besseren Leidenschaften, dieses der Sitz aller sinnlichen Begierden (Phaedrus). Genau in diesem Sinne sagt auch Paulus im Römerbrief: «Ich begreife mein Handeln nicht. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will (Röm 7, 15;19).» Trotzdem darf er am Ende seines Lebens sagen: «Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten (2 Tim 4,7).» Das tröstliche Bekenntnis des Paulus lässt uns an ein Letztes denken. Vom Patienten in der Welt auf dem Weg zur guten Besserung Wenn unsere Theologinnen und Theologen biblisch über den Menschen nachdenken, gehen sie davon aus, der Mensch sei erschaffen worden nicht nur in Gottes heiligmachender Gnade, sondern auch harmonisch in harmonischer Welt. Durch die Ursünde von Adam und Eva hätten die Menschen nicht nur Gottes Gnade, sondern auch die Harmonie im Herzen und in der Schöpfung verloren. Durch die Taufe gewinnt der Mensch zwar wiederum Gottes heiligmachende Gnade. Doch die Harmonie des Menschen und seiner Welt bleibt, wenn nicht völlig zerstört, so doch schwerwiegend gestört. Diese gestörte Harmonie wird traditionsgemäss Konkupiszenz oder «böse Begehrlichkeit» genannt. Das Konzil von Trient hat sich mit dieser Frage eingehend befasst. Es stellte fest, auch nach der Taufe verbleibe diese innere und äussere Ungeordnetheit der Schöpfung. Aber sie verbleibe «ad agonem». Mit diesem Wort sind wir beim Kern des Kämpfens. Ein Leben lang müssen wir ankämpfen gegen die Unordnung in uns und gegen die Unordnung in der Welt. Manchmal scheint in der Welt wirklich der Teufel loszusein. Dies alles bedeutet: In uns und um uns ist so viel Widerständiges, das unserem guten Willen widerstrebt und Widerstand leistet. An dieser Widerständigkeit leiden wir zeitlebens. Derart gestalten wir unser Leben und unsere Welt nicht nur aktiv; wir erleiden sie immer auch passiv als das uns Widerständige, gegen das wir ankämpfen müssen. Mit einem Wort: Wir sind und bleiben zeitlebens Patienten. Das heisst: Das Leben wird nicht nur aktiv gelebt und gestaltet, sondern auch passiv erlitten und erduldet. In dieser Lage müssen wir kämpfen gegen den Zwiespalt in uns und gegen das Ungute um uns. Wir sollen, soweit wie möglich, den Zwiespalt überwinden und das Ungute und Böse verkleinern. Das heisst: Wir sollen kämpfend zu unserer und der Welt Besserung beitragen. Derart sind wir und bleiben wir zwar Patienten, sind aber auf dem Weg der guten Besserung. Freilich, ein Übel bleibt und begleitet uns, bis wir ausgekämpft haben. Das letzte Übel ist der Tod. Wir sind nun keine Patienten mehr, sondern schlicht und einfach leblos und tot. Aber ist dieses tödliche Ende das Letzte? Unser Glaube erinnert uns an Ostern. Der Friedhof ist auch Gottesacker. Wenn wir ausgekämpft haben, schenkt uns Gott das ewige Leben, so dass wir für immer und ganz wir selber sind und immer und ganz bei uns und bei Gott daheim.Darum kämpft der Christ mit der Kraft der österlichen Hoffnung. Daraus ergibt sich als letzte Einsicht: Zeitlebens sind wir als Patienten kämpfend auf dem Weg der guten Besserung. Aber wir sind es in der Hoffnung auf eine bessere Güte. Derart heisst Leben lebenslang kämpfen. Nicht zuletzt heisst es kämpfen gegen den Krieg und für den Frieden. Das ist anstrengend und mühsam. Aber es lohnt sich. Vergessen wir nicht: Mitten im Kampf gibt es auch den Frieden der Kappeler Milchsuppe. Wer weiss, ob die Schwestern in der Klosterherberge das Rezept dieser Suppe besitzen. Jedenfalls bin ich gespannt, ob die anderen Stimmen in diesem Heft gleicher Meinung sind, oder ob wir erst noch diskutieren und disputieren müssen. Aber schon jetzt danke ich allen, die mir helfen, in der Hoffnung auf die bessere Güte auch als Patient zuversichtlich zu kämpfen.
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