baldeggerjournal

Der Hunger Ich sah es in den Augen der Kinder noch heute sehe ich es in den gleichen Augen. Ich sah es in den Augen der Alten noch heute sehe ich es in den gleichen Augen. Ich sah es in den Augen der Vereinsamten noch heute sehe ich es in den gleichen Augen. Diese grosse gewaltige Wunde, verzehrt dich auf kleinem Feuer um dich dann verschwinden zu lassen, es ist eine Beleidigung für die menschliche Würde eine sehr schwerwiegende Sünde wenn man es so nennen darf. Vielleicht weiss jemand was zu tun ist um diese universelle Katastrophe zu heilen? Von meinen Winkel aus kann ich nur sagen: «Es gibt solche die zu viel essen und jene die den Bauch immer leer haben.» 8 Monica Pfändler-Maggi, Baar Kämpfen und gewinnen Als Schwester Boriska mich vor einiger Zeit fragte, ob ich einen Artikel schreiben möge für das Baldegger Journal zum Thema «kämpfen», war ich überrascht. Ich dachte, was soll ich darüber schreiben? Sicher hatte auch ich zu kämpfen. Die Kindheit verlangte meinem Schutzengel einiges ab. Mit drei Jahren wurde ich sozusagen wiedergeboren. Aufgewachsen bin ich zwischen zwei Kulturen, der schweizerischen und der italienischen. So gab es auch in dieser Hinsicht immer wieder Kämpfe auszutragen, mit dem Umfeld, mit der Deutschen Sprache und natürlich dem Kampf mit dem eigenen Ich. Damals fragte ich mich oft: «Wo gehöre ich hin, ins Tessin, wo meine Wurzeln lagen oder in den Kanton Zug, wo ich geboren wurde?» Bis heute trage ich diesen inneren Kampf aus. Dann blieben auch mir gewisse existenzielle Kämpfe nicht erspart. Durchboxen, aufstehen, weitermachen war dann die Devise. Dennoch, wenn ich mich in meiner Familie umsehe, dann komme ich mir vermessen vor, über meine Kämpfe zu schreiben, wo doch gerade im familiären Umfeld eine Heldin zu finden ist. Dies ist ihre Geschichte: Graziella Maggi ist meine Cousine, sie lebt in einem kleinen Dorf namens Arogno, hoch über dem Lago di Lugano. Sie ist ein besonderer Mensch; alles Schlimme das ihr widerfahren ist, vermag sie ins Gute zu wandeln und dem Leben nur positiv zu begegnen. Sie ist ein Vorbild, daher freute es mich besonders, dass für sie am 14. September 2017 ein Traum in Erfüllung ging. Vor einem prall gefüllten Saal durfte sie ihren Gedichteband vorstellen. Gedichte, die sie, in aller Stille für sich, in ihr Notizbuch schrieb, tiefgründige Gedanken und Fragmente eines bewegten Lebens. Prosaisch verpackt in Wortkonstrukte, die den Leser unweigerlich in ihren Bann ziehen. Bei diesem stillen Schreiben wäre es auch geblieben, wäre da nicht ihre vife und patente Assistentin Flora Gravina gewesen. «Cosa scrivi? Was schreibst Du?» Eine Frage die alles ins Rollen brachte. Graziella bekannte Farbe und Flora, selber literarisch aktiv, übernahm die Regie. Es folgten Teilnahmen beim «Concorso per opere inedite» in Rom 2016, wo Graziella den zehnten Platz belegte mit ihrer Prosa, bald gefolgt vom siebten Platz bei einem weiteren Concorso inedite, diesmal in Venedig im Juli 2017. Beflügelt vom Erfolg entstand das Büchlein: «Italiano Scarpuscia». «Ich schreibe über Alltägliches, Kleinigkeiten. Während meiner Physiotherapie in Melano sehe ich auf den See, und die Schönheit des Augenblickes inspiriert mich. Eine Schnecke, die morgens meinen Weg kreuzt, weckt einen literarischen Gedanken in mir. Ich bin umgeben von Inspiration, und ich erlebe mein Leben als etwas Wunderbares.» So erklärt sie mir ihre literarischen Gedanken. Ihr Leben ist kein einfaches. Zwar besagt es, dass ihr Geburtsdatum der 24.08.1945 ist. Doch gemäss ihrer eigenen Aussage wurde sie 1974 neu geboren. Da nämlich erwachte sie im Universitätsspital Zürich aus ihrem neunmonatigen Koma, verursacht durch einen schweren Autounfall. Es folgten mehrere Operationen und ein langer Weg zurück ins Leben. Sie schmunzelt: «Die Ärzte sprachen von einem medizinischen Wunder, welches mir ermöglichte wieder zu laufen, zu sprechen und sogar Auto zu fahren. Ich sehe es auch als ein Wunder, aber kein medizinisches», und deutet nach oben, schlug sie doch just an dem Tag die Augen auf, als die jährliche Madonna-Prozession in Arogno begann. Ihr Glauben ist somit tief und sie ist für alles dankbar, sei es noch so profan. Auf ihr Buch !Italiano Scarpuscia› darf sie mit Sicherheit stolz sein. Das ganze Dorf ist es. An dem Abend im September war auch der letzte Platz besetzt im Saal Alessandro Vanini des Gemeindehauses von Arogno. Graziella erklomm gestützt von ihren beiden Betreuerinnen Flora und Angela das Podium. Dort sass sie gemütlich in einem bequemen Sessel und erzählte wie sie nach ihrer Wiedergeburt, so nennt sie es, 1975 zu schreiben begann. Vorgetragen wurden die Gedichte mit viel Pathos von Flora Gravina. Zwischendurch wurden typische Tessiner Sprichwörter eingestreut, die auch im Buch zu finden sind und die einzelnen Abschnitte markieren. Der Abend stellte einen weiteren Meilenstein im Leben von Graziella Maggi dar. Es folgten Reportagen im Tessiner Radio und Fernsehen, und sie arbeitet bereits an ihrem nächsten Projekt. Ein Märchen für Kinder schwirrt in ihrem Kopf herum und wird sicher, mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Assistentin, auch wieder den Weg zum Buch finden. Das Schreiben ist für sie auch Dankbarkeit, ein zweites Leben geschenkt bekommen zu haben. Einen Kampf, den sie definitiv gewonnen hat!

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