baldeggerjournal

11 lassen. Und zumindest die grosse Mehrheit der Bevölkerung sei für immer überzeugt, dass Werte wie «Würde des Menschen», «Gewaltfreiheit» oder «Bewahrung der Schöpfung» nunmehr einen allgemeingültigen, verbindlichen Charakter hätten und nicht mehr umstritten seien. Solche Erwartungen entsprachen aber offensichtlich viel eher einem naiven Wunschdenken und nicht einer realistischen Betrachtung der Sachlage. Jedenfalls zeigt ein Blick in die Welt oft genug auf schockierende Art, wie sehr der Wind gedreht hat. Gerade der Kampf ist wieder ein überaus populäres Thema, auch in der Schweiz. So nimmt im politischen Bereich die Zahl derer zu, welche das Verhandeln, das für eine Demokratie typisch ist, als langweilig und als zu kompliziert betrachten; sie neigen der Auffassung zu, am einfachsten zu handhaben sei doch grundsätzlich das Recht des Stärkeren: Es solle sich derjenige durchsetzen können, welcher am meisten Geld und Einfluss habe bzw. derjenige, der über die besten Waffen oder Kampftruppen verfüge. Immer häufiger kommt es auch bei uns vor, dass fanatische Anhänger eines Sportvereins gewalttätige Auseinandersetzungen suchen und offenbar keine Hemmungen haben, mit den Fäusten oder gar mit Schlagstöcken und Eisenstangen auf ihre vermeintlichen Gegner einzuprügeln. Sogar der Krieg ist wieder ein populäres Thema: Viele unserer Medien holen sich Aufmerksamkeit mit Berichten über elegante «Kampfjets» und aufwändige Manöver oder mit eindrücklichen Fotos von brennenden Quartieren, die von Bomben getroffen wurden. Solche Varianten des Kämpfens sollen hier natürlich nicht verharmlost oder gar propagiert werden. Aber muss man sich denn unter «Kämpfen» zwangsläufig etwas so Negatives, Destruktives vorstellen? Immerhin kann Kämpfen zunächst einmal auch bedeuten, dass man nicht einfach alles als «irgendwie gut» betrachtet, sondern nur schon für sich selber den Mut hat, klar zu unterscheiden zwischen dem, was man befürwortet und dem, was man entschieden ablehnt. Und dass man sich in einem zweiten Schritt allenfalls dazu entschliesst, dasjenige aktiv zu fördern und zu unterstützen, was man als das Gute betrachtet, aber auch das klar zu benennen, was man als bedrohlich oder als eindeutig schädlich ansieht, um es nach Möglichkeit an seiner Entfaltung zu hindern. Eine solche Haltung entspricht ja durchaus auch biblischen Gedanken: Jesus war ja keinesfalls derjenige, der das «anything goes» proklamiert hätte; auch er betonte, dass es immer wieder klare Entscheidungen braucht («Kein Knecht kann zwei Herren dienen»; Lk 16, 13), und er hat bekanntlich auch öfters ausdrücklich Einstellungen und Verhaltensweisen verurteilt, die er ablehnte, zum Beispiel Habsucht, Selbstgerechtigkeit oder Gewaltbereitschaft. Nun – wer auch gegen aussen etwas ausdrücklich befürwortet oder ablehnt, muss zwar damit rechnen, Verärgerung und Ablehnung zu erzeugen, aber er gewinnt dadurch auch ein Profil und wird für die Umgebung fassbar. Wer es wenn immer möglich vermeidet, zu etwas eine Meinung zu äussern oder gar etwas deutlich abzulehnen, wird sich zwar so recht und schlecht durchs Leben schlängeln können, wird aber möglicherweise wenig Gutes bewirken und überlässt zudem das Feld der öffentlichen Diskussion denjenigen, die keine Hemmungen haben, ihren eigenen Interessen mit allen Mitteln zum Durchbruch zu verhelfen. Zudem kann das Kämpfen auch für das Verhältnis eines Menschen zu sich selber viel Positives bewirken: Wenn ich mir im Verlauf eines Kampfes immer klarer bewusst werde, was ich befürworte, aber auch was ich verurteile, und entsprechende Haltungen in die Tat umsetze, kann das zu einem gesunden Selbstbewusstsein beitragen, das mir zum Beispiel ermöglicht, wichtige persönliche Ziele ins Auge zu fassen oder in Krisensituationen besser zu bestehen. Was wären nun aber Gebiete, auf denen eine Gemeinschaft wie die Baldegger Schwestern kämpferisch aktiv sein könnten? Drei (klösterlich ausgerichtete) Vorschläge: Erstens: die Stille. Unsere Welt erscheint zunehmend als «lärmsüchtig», und das nicht nur in akustischer Hinsicht. Kaum ein öffentliches Lokal mehr, wo man nicht mit lauter Musik beschallt wird, und vor allem entlang der Strassen wird mit immer stärkeren optischen Reizen versucht, unser Interesse für irgendwelche Produkte oder «Events» zu gewinnen. Alles immer nach dem Motto: «Die Leute wollen das …». Es würde doch gerade einer klösterlich geprägten Gemeinschaft gut anstehen, auch gegen aussen vernehmbar gegen das Lärmige zu kämpfen, unter anderem aus der Überlegung heraus: Wie sollen denn die Leute noch eine Chance haben, Gott zu finden, wenn sie fast dauernd einem höllischen (!) Lärm ausgesetzt sind? Zweitens: die Keuschheit. Ein heikles Thema, gewiss. Und es wird in unserer Zeit natürlich auch in einem Frauenorden anders beurteilt als vor fünfzig Jahren. Aber ist es nicht «schräg», dass heute einerseits eine heftige me too-Debatte geführt wird, welche zwar (zurecht!) gegen männliche Angriffe auf die sexuelle Integrität von Frauen kämpft, aber kaum je zum Thema macht, dass viele Frauen mit ihrer oft äusserst freizügigen Art der Bekleidung und des Verhaltens im öffentlichen Raum zu einer allgemeinen Atmosphäre beitragen, welche die Tendenz zu Übergriffen sicher begünstigt? Auch in diesem Bereich würde wahrscheinlich ein «kämpferisches» Wort vonseiten eines Frauenordens durchaus auf Resonanz stossen … Drittens: der Kampf für die Armut oder andersherum: gegen die Tendenz, alles und jedes zu materialisieren und zu kommerzialisieren, unter anderem mit der Werbung, und das Kulinarische so sehr zu einer Ersatzreligion hinauf zu stilisieren, dass schliesslich die Köche als Hohepriester der Konsumgesellschaft erscheinen … Es müsste ja nicht darum gehen, die Armut im Sinne der Selbstkasteiung zu predigen, aber dieses krampfhafte Festhalten an materiellen Gütern, an Luxus und Reichtum, wie es heute nach wie vor praktiziert wird, kann ja einem wahren Glück und einer guten Beziehung zu Gott nur abträglich sein. Auch zu diesem Thema müssen wir passende Belegstellen in der Bibel nicht lange suchen … Warum also nicht ein wenig gegen das Protzen und Klotzen kämpfen? Abschliessend noch einmal ein Gedanke zum Thema «Profil»: Es fällt auf, dass heute an vorderster Front von gesellschaftlichpolitischen Kämpfen oft junge Frauen anzutreffen sind, die sich mutig, hartnäckig und selbstbewusst für eine gute Sache einsetzen und die ihren männlichen Konkurrenten diesbezüglich nicht selten den Rang ablaufen. Man geht nun wohl nicht fehl in der Annahme, dass gerade solche Frauen ihre geneigte Aufmerksamkeit allenfalls eher einer Gemeinschaft zuwenden, die auch gelegentlich etwas Kämpferisches an sich hat und die nicht allzu diskret und sanft auftritt. Auch aus dieser Perspektive sei den Baldegger Schwestern für das kommende Jahr viel Kampfesmut gewünscht.

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