12 Franziskanische Inputs Lieber Bruder Franz Verzeih, wenn ich mit der Tür ins Haus falle. Ich finde es etwas paradox, dass du als Mann des Friedens gefeiert wirst. Ist es nicht zutreffender, dich als Mann des Kampfes zu bezeichnen? Denn du hast stets gekämpft. Auch für den Frieden, aber stets auch für deine Überzeugung. Vor deiner radikalen Lebensänderung hast du im Krieg gekämpft, dann ebenso überzeugt einen Kampf geführt mit der Kirche, mit Gott, mit dir selbst, hast mit deinem Vater und mit dem Papst gestritten. Und du hast einen «geistlichen Kampf» geführt. Ist denn geistlich kämpfen eine Tugend, die dem Menschen Kraft verleiht, gottgefällig, christlich zu leben? Wenn dem so ist, würde ich heute nicht mehr vom «geistlichen Kampf» sprechen, sondern vom «geistlichen Wachstum». Geistliches Wachstum ist wichtig für das Glaubensleben. Zwar finde ich in der Bibel keine Definition, was geistliches Wachstum bedeutet, aber es gibt Vorbilder, die uns geistliches Wachstum vorleben. Ein solches Vorbild bist du für mich, Franziskus. Du verlangst von dir und deinen Brüdern und Schwestern gottgefälliges Denken, Reden und Handeln. Dein Umgang mit dem Wolf von Gubbio ist ein konkretes Beispiel dafür: Ein Wolf hielt die Stadt in Angst und Schrecken. Kein Bewohner getraute sich unbewaffnet vor das Stadttor. Du erkanntest nicht nur die Not der Menschen, sondern auch die des Wolfes. Du sprachst mit dem Wolf und zeigtest, dass Kommunikation wichtig ist, dass es Versöhnungsarbeit statt Gewalt braucht. Dass die Menschen lernen müssen, die Situation des Anderen zu verstehen, seine Sicht in das eigene Denken einzubeziehen. Gemeinsam nach dem zu suchen, was alle in Frieden leben lässt. Du wolltest Frieden schaffen und zeigtest, dass wahrer Friede nur durch Umdenken möglich ist. Liebe statt Waffen! Kommunikation statt Hass! So bist du dem zähnefletschenden Wolf ohne Waffen, aber mit Liebe entgegengetreten. Es braucht Überwindung umzudenken und so zu handeln. Es ist mutig. Du hast den Menschen gezeigt, was Not-wendend ist. Du begnügst dich nicht mit Liebes- oder Friedensbemühungen, sondern forderst radikalen Einsatz. Auch du bist daran gewachsen. Du hast überall dort, wo es um Kampf geht, den Begriff «Kampf gegen» mit «Liebe für» bzw. «Kampf» mit «Liebe» ersetzt und in die Tat umgesetzt. Du hast nicht mehr den «Kampf gegen» den Feind geführt. Du hast «Liebe für» den Feind empfunden. Deinen «Kampf gegen» die Kirche, mit Gott, mit dir selbst hast du gelebt als «Liebe zur Kirche, für Gott, zu dir selbst». So hast du Frieden geschaffen. Stell dir vor, dies würden die Menschen auch heute tun. Wie sähe unsere Welt aus? Gut, dass du mich ein wenig provoziert hast: Du bist also doch ein Mann des Friedens, nicht des Kampfes! Ich bin dankbar, ein Vorbild und einen Bruder wie dich zu haben. Und ich möchte andere an dir teilhaben lassen mit den Worten, die ich mal gelesen habe: «Suche Frieden – finde Franziskus»! Liebe Grüsse deine Schwester Serafina «Eines Tages kam Franziskus in das Dorf Gubbio. Die Bewohner berichteten ihm, dass sie sich nicht mehr aus ihren Häusern trauten: Ein schrecklicher Wolf schlich nachts herum und fraß alles, was er erwischte. Niemandem gelang es, den Wolf zu fangen oder zu töten. Die Menschen in ihrer Not, aber auch der Wolf, taten Franziskus leid. War doch auch der Wolf ein Geschöpf Gottes. Franziskus ging zuversichtlich vor die Tore von Gubbio. Als ihm der Wolf entgegentrat und seine Zähne fletschte, bekreuzigte sich Franziskus und sprach sanft zu dem Tier: «Bruder Wolf, ich weiß, dass du großen Hunger hast und zu alt bist zum Jagen. Es geht aber nicht, dass du so viel Angst unter den Menschen verbreitest. Ich will, dass ihr friedlich miteinander auskommt.» Der Wolf senkte wie beschämt seinen Blick. Und so wurde vereinbart, dass die Bewohner dem Wolf jeden Tag ein Stück Fleisch zu fressen gaben. Der Wolf war zufrieden und zahm. Niemals mehr hat er einen Menschen angefallen oder bedroht.» (Fioretti, Kap. 21, verkürzt) Bruder Wolf
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