13 Psalmen Sie bekämpfen mich grundlos – ich aber bin Gebet Sr. Renata Geiger, Baldegg «Gott meiner Lobpreisung schweige nicht! Denn der Mund des Frevels und der Mund des Truges haben sich gegen mich aufgetan. Sie bekämpfen mich grundlos. Für meine Liebe feinden sie mich an – ich aber bin Gebet!» Ps 109,1-4 Psalmen sind widerständige, streitbare Gebete. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie loben und preisen, jubeln und danken, sprechen von Hoffnung, Vertrauen und Geborgenheit. Sie weinen und schreien, klagen und schimpfen. Sie fordern Gerechtigkeit, sie sprechen von Feinden, von Wut, von Vergeltung und Kampf. Wie soll man damit umgehen? Feinde Zur Frage nach schwierigen Passagen in den Psalmen und zum Verständnis von Feindpsalmen ist viel geschrieben worden. Erich Zenger sagt dazu: «Die Feindpsalmen sind ein Schrei nach Recht und Gerechtigkeit in einer Welt voll Ungerechtigkeit.» Es geht darin nicht um Vergeltung, sondern Opfer von Unrecht bitten Gott um Unterstützung. Es geht nicht um grenzenlose Rache, sondern um Beendigung von Machtmissbrauch und Unrecht. Der Beter ruft nicht aus einer Machtposition heraus zu Gott, sondern aus einer Situation von Hilflosigkeit. Es sind Hilfeschreie eines Bedrängten. Es sind Appelle an Gott, die von einem machtlosen Menschen geäussert werden. Die Aggression richtet sich gegen konkrete Missstände, gegen Menschen, die ihre Macht missbrauchen, Gewalt ausüben oder dafür verantwortlich sind. So ist es begreiflich, dass die Psalmen in ihrer spontanen Ausdrucksweise manchmal Worte brauchen, die uns hart erscheinen: «Denn er hat nie daran gedacht, Güte und Treue zu tun, er verfolgt den Armen und Elenden und den Niedergeschlagenen wollte er umbringen» Ps 109,16 Vergeltung Aber wir dürfen nicht übersehen – und das lehren uns die Psalmen immer wieder – der Beter überlässt die Vergeltung Gott und das bedeutet einen Verzicht auf eigene Vergeltung. «Er liebte den Fluch – er komme über ihn! Er hatte kein Gefallen am Segen – er bleibe ihm fern!» Ps 109,17 Es geht dem Beter nicht um eine persönliche Rache an den Übeltätern, sondern um die Frage nach Gott angesichts des erlebten Unrechts. Er hat das Bedürfnis zu erkennen, dass das Übel nur vorübergehend ist und dass letztlich Gott über das Böse siegen wird. Vertrauen Der Psalmist weiss ja aus der Geschichte Israels, dass er sich auf Gott verlassen kann. So ist Psalm 109 der Hilfeschrei eines Menschen, der verfolgt, angefeindet, bekämpft und verleumdet wird, der aber auch sein ganzes Vertrauen auf Gott setzt. Er will und kann nicht mit den gleichen Mitteln zurückschlagen. Er wendet sich im Gebet an den Gott der Güte und des Segens, dass er ihn rette, ihn, den sie grundlos bekämpfen, ihn, der doch in seinem Leben der Liebe Raum gegeben hat. So lohne der Herr es denen, die mich verklagen,und denen, die Böses gegen mich reden.» Ps 109,20 «Für meine Liebe feinden sie mich an – ich aber bin Gebet!» Ps 109,4 Der Psalmist identifiziert sich so sehr mit seinem Gebet, dass er selber zum Gebet wird. Alles, was er sich wünscht, ist darin aufgehoben. Und dieses Gebet ist Psalm 109 selber. Mit ihm beschwört er Jahwe «zu handeln, wie es seinem Namen entspricht» und sich als der zu erweisen, als der er sich geoffenbart hat: als der Exodus-Gott Jahwe, der immer für den Menschen da ist. «Du aber Jahwe, tue an mir, wie es deinem Namen entspricht. Gut ist doch deine Güte – rette mich! Denn arm und elend bin ich» Ps 109,21.22a
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=