baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema Von Schreibtisch zu Schreibtisch: Sr. Hildegard Willi (SH), Psychologin, im Gespräch mit Gerhard Pfister (GPf), Dr. phil., Nationalrat, Präsident CVP Schweiz 14 SH Ernst Sieber, Sozialpfarrer und Politiker, sagt im Blick über seinen Tod hinaus: «Ich freue mich aufs Ende! !Kämpft weiter – ich hab’s heiter›, das soll auf meinem Grabstein stehen.» Kämpfen ist für Ernst Sieber kein Diskussionsstoff; er hat ein Leben lang nichts anderes getan. Jetzt, wo er seinen Tod kommen sieht, freut er sich, dass es mit all dem Kämpfen nun ein Ende hat. Sein Kampf für randständige Menschen war eine äusserst mühsame Sache. Viele von uns haben es miterlebt, sein ständiges Suchen nach Unterstützung, nach Geld; sein Suchen nach Mitarbeitenden und deren Weiterbildung, und vor allem der ständige Kampf mit den Widerständen. Diese Widerstände machten Ernst Sieber gross, an ihnen wuchs seine persönliche Kraft, sein innerer Halt; darin wurzelt seine Einstellung zu den Menschen, zur Welt und zur Zeit. Das war alles andere als ein Sonntagsspaziergang. Und Sieber war alles andere als ein Sonntagschrist. Man nannte ihn einen Heiligen des Alltags. Für ihn war klar, ohne Kämpfen gibt es kein gutes Leben. Sein Grundsatz stand fest: hart, was das Ziel betrifft – mild in der Wahl der Mittel. Sieber war ein durch und durch politischer Mensch. ‘Kämpft weiter’ steht auf seinem Grabstein. Wer etwas aufbaut, will, dass es dauert. Dann aber kommen die Zweifel: Werden die Nachfolgenden den Geist, das Können und die Ausdauer erwerben, all das, was es braucht für unser politisches Werk? Wer ruft: ‘kämpft weiter’, ist erfüllt von Glauben und von der Hoffnung. Und er weiss: Der entscheidende Kampf ist der Kampf mit uns selbst: mit unseren Ambitionen, mit unserem Wollen, Sollen, Dürfen und Müssen. Dieser Kampf ist – wie wir aus Erfahrung wissen – ein stiller Kampf, ein starker. Er findet alltäglich statt. GPf Ich habe Ernst Sieber in jungen Jahren kennenlernen dürfen. Diese Begegnung war für mich ein Erlebnis, und meine Bewunderung für ihn und sein Lebenswerk nahm nie ab. Er war für mich ein Christ im besten Sinne, nämlich ein Mann der Tat und der Worte, aber vor allem der Tat, die seinen Worten erst Glaubwürdigkeit verliehen. Deshalb auch kein Frömmler, die mir zuwider sind. Sondern ein vorbildlicher Christ. Dass für ihn sein Leben ein Kampf war, glaube ich. Ein Kampf für die gute Sache. Dass er auch mit den Widrigkeiten der Umstände zu kämpfen hatte, zum Beispiel mit der wirtschaftlichen Führung seiner Unternehmen (er war ja auch ein Unternehmer im besten Sinn), hat er immer offen eingestanden, und er konnte dann auch auf Freunde und die Familie zählen, die ihm bei seinen Schwächen halfen. Er gab sonst mehr als genug. Politik ist ja geradezu prototypisch ein Kampf, Wettkampf. Nicht umsonst trägt die SRF Diskussionssendung (ist es eine Diskussion, nicht eher eine Deklamation?) den Namen «Arena». Politik ist Kampf um Macht, Mehrheiten, Wahlen. Oft für die eigene Person, häufig für die eigene Vision des politisch Richtigen und Guten (das was man persönlich dafür hält), für die Partei. Das sind auch Kämpfe, aber sie sind nicht existenziell. Sondern – im besten Fall – der Sache verpflichtet, nicht der Person. Das macht diese politischen Kämpfe aber nicht minder hart, einfach auf eine andere Weise. Und, das ist das Schwierigste: sie können den Menschen, der sie kämpft, in seinem Wesen verändern. Nicht nur zum Guten. Denn Politik hält eine Belohnung bereit, die verführerisch ist: die Macht. Wenn Politiker klagen, sie hätten keine Zeit für Privates, Erholung, Familie, ihre work-life-balance sei nicht mehr im Gleichgewicht, dann muss ich immer etwas lächeln. Weil ich das für Heuchelei empfinde. Politiker, insbesondere Bundespolitiker, sind nie unersetzbar. Und jeder Nationalrat kann sofort aufhören, wenn es ihm zu viel wird, die Nachfolger stehen in Scharen bereit. Sieber hingegen konnte das nicht. Es war für ihn Leben, Pflicht, Glaube in einem. Mindestens ist das mein Eindruck von ihm. SH Politik ist Kampf um Macht und Einfluss, um Mehrheiten und Wahlen, sagst du. Und du weisst, wovon du sprichst. Du benennst das Schwierigste bei diesen Kämpfen. Sie können den Menschen, der sie kämpft, in seinem Wesen verändern. Nicht nur zum Guten. Macht ist verführerisch. Wer hat das nicht schon am eigenen Leib erfahren? Und doch: ohne Kämpfen gibt es kein gutes Leben. Leben ist kämpfen, ob wir wollen oder nicht. Dabei geht es immer um Macht und Einfluss. Kämpft weiter – ich hab’s heiter

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