baldeggerjournal

15 Vielleicht ist die verführerische Macht schuld daran, dass ‘kämpfen’ einen schlechten Ruf hat. Und doch: Wer will denn machtlos sein? Ein schwieriger, ja gefährlicher Zustand, die Ohnmacht. Der schlechte Weg daraus führt in die Opferrolle und generiert Täter. Das wirft ein Licht auf die zunehmende Gewaltbereitschaft in der heutigen Welt. In dem Masse als es Menschen gibt, die sich als Opfer fühlen, nimmt die Gewalt zu. Lebensdienlicher ist es, den Bock bei den Hörnern zu packen, sich herausfordern zu lassen, eigene Kräfte zu mobilisieren, das Mögliche zu tun und das Wünschenswerte im Blick zu behalten. Schon das allein verändert zum Guten. Denn etwas bewirken können, stärkt und richtet auf. Selbstwirksamkeit bringt Beachtung nach innen und aussen, zwar nicht gratis. Ansehen kommt vom gesehen und Achtung vom geachtet werden. Wer Stellung bezieht, sich zeigt, sich einsetzt, sich wehrt, sich getraut und zu sich und zur Sache steht, wird beachtet. Das Gefährliche daran ist: wir werden angreifbar. Für Angriffe in der Form böswilliger Interpretationen, abwertender Bemerkungen, schaler Vorwürfe oder leerer Behauptungen hilft m.E. nur die ‘Souveränität’, die Jesus lebte: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun». Lk 23. Ich weiss, als Spitzenpolitiker hast du noch andere Kämpfe zu bestehen. Mir scheint, dass auch auf dem politischen Parkett die Kampfmittel zunehmend gröber werden; dass das faire Streiten, das vernünftige, geistvolle Debattieren beinahe ausgedient hat. GPf Ich will nicht zu pessimistisch sein, aber ja, ich muss sagen, dass das Niveau der politischen Auseinandersetzung leidet. Auch in der Schweiz. Gerade die direkte Demokratie mit so vielen Abstimmungen ist darauf angewiesen, dass offene, faire und sachliche Debatten, in diesem Sinn «Kämpfe», geführt werden können. Die sogenannten Sozialen Medien führen aber in die gegenteilige Richtung: es geht nicht mehr um Auseinandersetzung mit dem politisch anders Denkenden, sondern um Selbstbestätigung in gleich denkenden Gruppen. Der Kampf zwischen diesen Gruppen ist dann ein wirklicher. Es geht um Dominanz im Netz, um Lärm. Das einzige Bollwerk dagegen sind die Institutionen in der Schweiz. Unser Land ist politisch so konzipiert, dass die Macht von Menschen über andere Menschen immer wieder auf das nötige Minimum reduziert wird. Zugunsten der Freiheit der Menschen. Wir haben ganz bewusst, institutionell gewollt, eine «schwache» Regierung, die nicht durchregieren kann, sondern immer wieder Initiativen oder Referenden bestehen muss, oder in einem Parlament Mehrheiten gewinnen muss. Und auch wenn anderes behauptet wird: die Schweiz kennt keine abgehobene «classe politique», und die Bevölkerung schätzt den Einsatz von Politikern. In all den Jahren wurde ich nie in direkten persönlichen Begegnungen mit den Menschen angegriffen. In den elektronischen Medien natürlich schon. Das Attentat in Zug im Jahre 2001, das ich miterlebte, gehört in eine andere Kategorie. Was ich damit sagen will: starke Institutionen und die direkte Demokratie bewahren die Schweizer Politik davor, dass der Macht und dem Kampf um die Macht enge Grenzen gesetzt sind. Insofern ist es nach wie vor ein schönes Privileg für mich, in der Politik der Schweiz mitgestalten zu dürfen. Aber wollen wir jetzt den Dialog über den Kampf etwas aus der Politik herausführen? Wie sehen denn Deine Kämpfe aus? Und ist Kampf nicht auch menschlich?

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