baldeggerjournal

Zwei Meinungen – ein Thema 16 SH Ja, kämpfen ist zutiefst menschlich, es ist ein Beziehungsgeschehen. Es geht um die Beziehung zu sich selbst, wie zu andern. Und es geht immer um ein grösseres Ganzes, in das wir einbezogen sind. Das zeigt sich im Alltag in der Gemeinschaft und in meiner Beratungsarbeit. Es gibt Menschen, die nicht kämpfen können: sie werden leicht unmenschlich, sich selbst und andern gegenüber. Andere glauben ständig kämpfen zu müssen, da sie im Leben zu kurz gekommen sind: so träufelt neuer Essig auf die alten Wunden. Wieder andere fühlen sich angegriffen, abgewertet und so zum Gegenangriff provoziert: dieser geschieht selten wesensgemäss und situationsgerecht. Nochmals andere kämpfen mit der Faust im Sack: so lässt sich kein Kampf gewinnen. Eines gilt: Kämpfen ist immer Kommunikation, verbal und nonverbal. Der Mensch kann nun einmal ‘nicht nicht kommunizieren’. Jedes Verhalten hat seine Botschaft, sie wirkt. Schweigen und ignorieren können Ausdruck innerer Stärke sein. Bedeutsamen Situationen aber gebührt ein Gespräch auf Augenhöhe. In der Arbeit mit Menschen, die Beratung suchen, spielt das Thema ‘schwierige Kommunikation’ eine zentrale Rolle. Befragungen von Mitarbeitenden zeigen dasselbe. Darin steckt ein Dilemma. Offene Gespräche bergen ein Risiko: empfindliche Stellen werden berührt, ungeklärte Dinge spruchreif, Handlungsbedarf wird offen gelegt. Nicht sprechen, birgt das andere Risiko: schwierige Gefühle wie Angst, Überforderung, Beleidigung, Verstimmung, Ungerechtigkeit werden in die dunkelste Ecke der Seele verbannt. Sie vergiften die Atmosphäre und nagen am Selbstwert. Wieder ein Dilemma. Der Ausweg liegt in der Kommunikationskultur. Da lohnt es sich zu investieren. Dafür kämpfe ich, indem ich an das Gute im Menschen glaube, Ressourcen aufspüre, Zugänge freilegen helfe und ermutige, sie zu nützen. Widerstände sind dabei aufschlussreich. Mich beschäftigt zunehmend das ‘Kämpfen-gegen’. Der Kampf gegen den Tod ist exemplarisch dafür. GPf Ja, da hört’s mit der Gelassenheit wohl bei jedem Menschen auf. Denn wir wissen alle, dass ein Kampf gegen den Tod nichts bringt, ein sinnloses Kämpfen ist. Und dennoch ist der Lebenswille in uns, der uns dazu bringt, dagegen anzukämpfen. Der Jugendlichkeits-, Fitness- und Körperwahn sind ja nichts anderes als Versuche, gegen den Tod anzukämpfen, ihn hinauszuzögern. Und dennoch ist der kämpferische Lebenswille auch das, was uns Menschen über uns hinaus hebt, der auch für den Fortschritt, für Kunst und Kultur, für das Geistige und auch für die Ethik, die Sorge um die Menschenwürde, verantwortlich ist, indem er uns antreibt, die geschenkte Zeit im Diesseits gut zu nutzen. Weniger um auf eine Belohnung im Jenseits zu hoffen oder gar damit zu rechnen. Aber weil es zum Leben gehört, sich zu entfalten, weiter zu entwickeln, das Diesseits auszukosten, nach Glück zu streben. So jedenfalls verstehe ich Schopenhauers Versuch, die «Welt als Wille und Vorstellung» zu beschreiben, für mich heute im 21. Jahrhundert und in der zweiten Hälfte meines Lebens. Wenn Heraklit sagt, der Krieg sei der Vater aller Dinge, dann meint er das auch eher so, dass das Leben aus dem dialektischen Verhältnis von Gegensätzen hervorgeht. Auch ein Kampf, aber im guten, vitalen Sinn. Als Christen haben wir ja in Jesus ein Vorbild, der den Kampf des Lebens mit allerletzter Konsequenz kämpfte, für uns Menschen. Und uns dafür das grösste Geschenk machte, das über dem Kampf des Lebens steht: die Erlösung, die Gnade. Und damit den Kampf gegen den Tod überflüssig und unnötig. Aber das ist leichter dahin geschrieben, als selbst, einsam, jeder für sich durchzuleben. Auch das zeigte uns Jesus. SH Vielleicht muss man dem Tod einmal so unmittelbar, hautnah begegnet sein, wie du an jenem 27. September 2001, um sich so radikal entschieden dem Leben zu verpflichten. Vielleicht sind es die Grenzerfahrungen, so schmerzlich sie sind, die den kämpferischen Lebenswillen in uns freisetzen, dem wir so viel Gutes verdanken. Vielleicht ist es die Gewissheit des Todes, die uns das Leben als Geschenk erkennen und nützen lässt. Statt gegen die verrinnende Zeit zu klagen und zu kämpfen, könnte es lohnender sein, sich das Büchlein des Stoikers Seneca «Von der Kürze des Lebens» zu Gemüte zu führen. Pfarrer Siebers Grabspruch –‘Kämpft weiter – ich hab’s heiter’ – ist auch ein Wort vom Siegen. Bertold Brecht hat gesagt: «Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.» Nach dieser Aussage stellt sich also nicht die Frage: Kämpfen ja oder nein? Sondern, wer sich nicht schon im Voraus zu den Verlierern zählen will, muss kämpfen! Und wer von uns möchte schon von Beginn weg auf der Verliererseite stehen? Dieser Wunsch steckt in jedem von uns. Deshalb kämpft wohl jede und jeder von uns in seinem Leben um dies oder jenes, ob es um Anerkennung oder um einen vermeintlichen Vorteil geht – zu den Verlierern wollen wir auf keinen Fall gehören. Und doch begegnete ich in meinem Leben immer wieder auch Menschen, die bereits seit Beginn ihres Lebens auf der Verliererseite standen. Trotzdem waren sie bereit zu kämpfen, zu kämpfen für ihre Rechte und ihr Leben und sich nicht einfach mit der Rolle als Opfer zufriedengaben. Durch Zuhören spürte ich, was diese Menschen im Tiefsten bewegte trotzdem zu kämpfen. Zu kämpfen für sich, aber auch für andere. In ihnen lebte eine Hoffnung, eine Vision, ein Stück Himmel. Und dieses Stück Himmel öffnet sich gerade jetzt an Weihnachten wieder neu, weil auch dieser Jesus sich von Anfang an auf die Seite der Verlierer stellte, um mit ihnen und für sie zu kämpfen. Sr. Karin Zurbriggen, Baldegg ZweiMinutenPredigt

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