baldeggerjournal

4 Eines ist sicher: Wer über das Faulenzen nachdenken will oder gar darüber schreiben sollte, darf nicht faulenzen. In der Tat hat Schwester Marie-Ruth mit dem Thema «Faulenzen» uns eine kräftige Suppe eingebrockt. Gewiss weiss jeder fürs Erste, was faulenzen ist. Doch wenn man darüber nachdenkt, wird es schwieriger. Am besten fragen wir darum zuerst die Sprache. Die Sprache gibt Auskunft Dass Faulenzen mit faul zu tun hat, ist klar. Das Wort faul aber hat drei Bedeutungen: Erstens bedeutet faul «faulig». Es geht um die Fäulnis und damit um den Zersetzungsprozess oder gar die Verwesung. Darum sprechen wir auch von «stinkfaul». Von stinkfaul ist es nicht weit zu «anrüchig». Zweitens ist eine Sache faul, anrüchig und zweifelhaft und zwar nicht nur im Staate Dänemark in Shakespeares «Hamlet», sondern auch bei uns im Staat, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. Nicht umsonst sprechen wir zuweilen von einem «faulen Kompromiss». Drittens bedeutet faul auch «träge». Der Träge, der auf der faulen Haut liegt, ist manchmal auch ein fauler Hund. Aber jeder von uns wird müde, und einmal sind wir sterbensmüde. Pater Schnetzers Leben ging sichtlich dem Ende entgegen. Freunde besuchten ihn. Er sagte ihnen, dass er gerne sterben möchte. «Warum sterben Sie denn nicht?», fragten ihn die Freunde. Seine Antwort war: «Ich bin zu faul.» In der Schweiz ist besonders bedenkenswert, dass das Wort «Faulpelz» hierzulande schon seit dem Mittelalter belegt ist. Es hat aber nichts mit dem Faultier zu tun, sondern mit dem Pelz oder der Haut auf der Milch, die mit der Zeit sogar schimmlig wird. Nicht umsonst vermutet man, dass faul mit dem Wort «Pfui» verwandt ist. Alles zusammengenommen ergibt sich, dass Faulheit negativ besetzt ist. Fazit: Wir sollten nicht faul sein! Was bedeutet das für unser Faulenzen? Wir fragen am besten die Geschichte. Die Geschichte gibt Antwort Seit eh und je muss der Mensch zum Erwerb des Lebensunterhaltes arbeiten und sich entsprechend erholen. Das Verhältnis von Arbeit und Erholung kann man verschieden gestalten. Bei den Griechen und Römern gab es die Zweiklassengesellschaft. Die eine Klasse arbeitete immer und nur. Das waren die Sklaven. Die anderen oder die feinen Herren erfreuten sich meistens der freien Zeit. Diese Zeit sollten sie verwenden, einerseits ehrenamtlich zur Besorgung der Staatsgeschäfte und andererseits privat auf ihren Landgütern, um sich der Musse hinzugeben und die schönen Künste zu pflegen. Dieses Modell wurde überwunden, indem man Arbeit auf alle ausdehnte. Jetzt gab es nicht mehr Herren und Sklaven, sondern Arbeitszeit und Freizeit. Die Arbeit aber war bedrückend und die Arbeitszeit lang. Man suchte Hilfe bei neuen technischen Errungenschaften. Praktische Maschinen wurden erfunden, die die schwere Arbeit übernahmen. Noch mehr entlasten uns heute die Roboter. Die Folge ist, dass sich die Freizeit für die meisten Menschen erhöhte. Nicht umsonst sprechen wir heute von der Freizeitgesellschaft. Diese aber entwickelte eine richtiggehende Freizeitindustrie. Sie führte zu Sportbetrieben und zu einer Unterhaltungsindustrie, bei der das Faulenzen nichts zu suchen hat. Alles ist verplant und verzweckt. Wir haben keinen Spielraum mehr. Darum kommt gerade jetzt die Frage nach dem Sinn des Faulenzens auf. Faulenzen ist die Verwendung unverzweckter Zeit, nämlich der Zeit für das, was einem hier und jetzt Spass bereitet und Freude schenkt. Faulenzen soll eigentlich kein Zeitvertreib sein, sondern zu erfüllender Zeit führen. Wir wollen die Zeit nicht vertreiben und nicht dem lieben Gott stehlen. Wir sollen die Zeit vielmehr kreativ verwenden und mit dem erfüllen, was einem selbst Spass macht und womit man andere erfreuen kann. Davon haben die Dichter gewusst, vor allem in der Zeit der wachsenden Industrialisierung mit dem Gegengewicht der Romantik. In diesem Sinne dichtete der Schweizer Johann Martin Usteri sein Lied: «Freut euch des Lebens.» Er schreibt: «Man macht so gern sich Sorg› und Müh› / sucht Dornen auf und findet ...». Der Dichter hat Recht. Wer sucht, der findet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Bisweilen suchen wir lange und finden nichts. Sogar der hl. Antonius lässt uns zuweilen im Stich. Dr. P. Albert Ziegler SJ, Zürich Kloster Baldegg Faulenzen

RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=